Abgasskandal bei Daimler Nicht ganz sauber

Daimler muss Tausende Fahrzeuge des Typs Vito zurückrufen.

(Foto: Daimler AG)

Das Kraftfahrtbundesamt vermutet Manipulationen bei Daimler - und das bei der neuesten Diesel-Generation. Der Konzern bestreitet das und rechtfertigt sich verschwurbelt - Verkehrsminister Scheuer lädt Daimler-Chef Zetsche nun vor.

Von Markus Balser, Berlin, und Thomas Fromm

Daimler-Chef Dieter Zetsche, 65, hatte sich früh festgelegt. "Bei uns wird nicht betrogen, bei uns wurden keine Abgaswerte manipuliert", sagte er, nachdem der Skandal um den Abgasbetrug in Dieselautos von Volkswagen im Spätsommer 2015 hoch kam.

Dann begann das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA), sich wegen des Verdachts einer unzulässigen Abschalteinrichtung beim Daimler-Modell Vito näher für das Unternehmen zu interessieren. Und die Frage, ob der Transporter der Stuttgarter eine illegale Abschalteinrichtung enthält, mit der im Straßenverkehr weitaus mehr Schadstoffe ausgestoßen werden könnten als beim Test auf dem Prüfstand.

Jetzt ist die Sache konkreter geworden: Das Bundesverkehrsministerium wirft dem Daimler-Konzern vor, im Modell Vito eine illegale Abschalteinrichtung zu verwenden. "Dem Hersteller wurde aufgegeben, die unzulässigen Abschalteinrichtungen aus den betroffenen Fahrzeugen nach der Freigabe des Maßnahmenpakets durch das KBA zu entfernen", heißt es in einer Stellungnahme des Ministeriums.

Konkret bedeutet das: Der Diesel-Skandal bei VW, der vor Jahren begann, weitet sich nun auch auf die eigentlich als sauber geltenden neueren Diesel-Fahrzeuge der Hersteller aus. Fahrzeuge, die von möglichen Fahrverboten ausgenommen werden sollen.

In der Bundesregierung herrscht große Verärgerung über den Konzern

Betroffen von den schweren Vorwürfen ist das Modell Mercedes Vito 1.6 l Diesel Euro 6. Dem Ministerium von Andreas Scheuer (CSU) zufolge geht es um weltweit 5 000 betroffene Autos, in Deutschland sollen es 1370 sein. Bei Daimler in Stuttgart heißt es, noch müsse man genauer untersuchen, um eine verlässliche Zahl der betroffenen Wagen zu haben. Schon an diesem Punkt wird deutlich: KBA und Daimler liegen bei der Frage, welche und wie viele Fahrzeuge betroffen sind, offenbar über Kreuz.

Aus Regierungskreisen verlautete, es müsse nun geklärt werden, ob auch weitere Fahrzeuge mit dem gleichen Motor bestückt wurden und damit ebenfalls betroffen seien. Bei Daimler heißt es dagegen, die betreffenden Motoren seien lediglich in diesem Vito-Modell des Herstellers verbaut worden. Der Motor mit der Abgasnorm Euro 6 kommt Konzernkreisen zufolge vom Kooperationspartner Renault und sei speziell für das Vito-Modell geliefert worden.

Politischen Kreisen zufolge herrscht in Berlin große Verärgerung über den Konzern. Offenbar habe man noch nicht überall verstanden, dass die Zeit des Tricksens vorbei sei. Vor allem die Drohung des Konzerns, notfalls rechtlich gegen das Kraftfahrtbundesamt vorzugehen, löse Ärger aus. Es stehe außer Frage, dass es sich um eine unzulässige Abschalteinrichtung handele, heißt es weiter.

Verschwurbelte Rechtfertigung

Daimler hatte in einer Stellungnahme angekündigt, das Unternehmen werde gegen den Bescheid des Kraftfahrtbundesamtes Widerspruch einlegen. Falls erforderlich, solle die strittige Rechtsauslegung gerichtlich geklärt werden. Die Vorwürfe der Behörden betreffen das sogenannte SCR-Abgasreinigungssystem der Fahrzeuge. Den Kreisen zufolge sorgt die Technik dafür, dass zu wenig Harnstoff eingespritzt wird, der für die Abgasreinigung wichtig ist. Deshalb fällt der Schadstoffausstoß auf der Straße dann weitaus höher aus.

"Aufgrund der eingebauten Abschalteinrichtungen kann es im Betrieb der Fahrzeuge zu erhöhten NOx-Emissionen kommen", teilte das Verkehrsministerium dazu mit. Daimler rechtfertigt das Vorgehen mit einem leicht verschwurbelten Satz: "Die Funktionen seien "Teil eines komplexen Abgasreinigungssystems, das eine robuste Abgasreinigung bei unterschiedlichen Fahrbedingungen und über die Nutzungsdauer eines Fahrzeugs sicherstellen soll".

Die Vorwürfe haben für Daimler-Chef Zetsche Folgen. Wie Spiegel-Online berichtet, lädt ihn Bundesverkehrsminister Scheuer für Montag vor. "Ich erwarte, dass Mercedes seinen Kunden gegenüber Klarheit schafft", sagte Scheuer dem Magazin.

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