Wehrhafte Taschen-Modelle Waffen einer Frau

Nieten, Stacheln, Glassplitter: Die derzeit angesagtesten Accessoires sehen ziemlich brutal aus. Der Zoll hat einige nun zur Schlagwaffe erklärt. Versuchen Sie also ja nicht, die Stücke in den Flieger zu schmuggeln! Es wird schiefgehen.

Von Nils Binnberg

Eines der letzten, großen Mysterien der Menschheit ist zweifellos: der Inhalt einer Handtasche. Die Damenhandtasche ist intimes Sperrgebiet, in das selbst allerbeste Freundinnen niemals ohne Erlaubnis vordringen dürfen und Männer schon mal gar nicht. Vielleicht ist das der Grund, warum Frauen zurzeit Modelle an ihren Armen tragen, die an die Ausrüstung von Schlägertrupps erinnern. Zentimeterlange Metallspitzen und messerscharfe Swarovski-Kristallsplitter zieren Schultertaschen, und kleine, kastenförmige Clutch-Bags sehen dank Nietendekor aus wie das Spielzeug einer Domina. Die Botschaft: Komm mir nicht zu nahe, sonst setzt's was.

Im Luxusonlineshop Net-a-Porter werden diese neuen Taschen-Hits mit lustigen Namen wie "Rock Stud Leather Tote" oder "Spiked Leather Clutch" beworben. Für den deutschen Zoll aber sind sie "Hit-Bags" in einem ganz anderen Sinne: Schlagwaffen, die unter das Waffengesetz fallen. Konkret heißt das: Erwerb und Besitz sind streng verboten und führen zu drastischen Strafen. Obwohl es bisher noch Einzelfälle sind, zeichnet sich ein klarer Trend ab: mehr Stachel und Nieten an Taschen, mehr Beschlagnahmungen.

Welche Geschütze manche Frau tatsächlich jeden Tag so mit sich herumträgt, wird klar, wenn man einen Blick in die Statistik des Zolls wirft. Hier ist plötzlich keine Rede mehr von coolen "Rock Studs" oder schicken "Spikes". Hier sind die Designertaschen ziemlich unglamourös als Hieb- und Stichwaffen, Schlagringe oder sogar Morgensterne (diese Mittelalter-Waffe mit Stacheleisenkugeln am Beil) aufgelistet. Taschen, mit denen man im Mode-Sale die Kontrahentin im Kampf um den Céline-Shopper locker krankenhausreif schlagen kann. Taschen, die nicht auf dem Schwarzmarkt in Tschechien, sondern ganz legal in Luxusshops verkauft werden. Und für die man eigentlich einen Waffenschein benötigt.

So wie jene " Knuckle Duster Clutch" von Alexander McQueen, die die Moderedakteurin eines deutschen Lifestyle-Magazins in ihren Koffer gepackt hatte, für ein Shooting auf den griechischen Inseln. Eine schmale Abendtasche aus Python, mit einem Griff aus aneinandergereihten Totenkopf- und Kristallringen. Das exaltierte Designstück liegt nun im Münchner Hauptzollamt als beschlagnahmtes Objekt zwischen exotischen Echsen und gefälschten iPods. Die Begründung: Es handle sich um einen gemeingefährlichen Schlagring.

Bei einer zufälligen Kontrolle am Flughafen im vergangenen Herbst traute die Redakteurin ihren Ohren nicht. Was soll sie im Reisegepäck haben? Eine Waffe? Kann ja gar nicht sein. Natürlich war Athen gerade in Aufruhr, es gab jeden Tag Straßenschlachten. Aber ihre Mission war schließlich die Mode, nicht der Mob. Als der Zollbeamte die Clutch in den Händen hält, fragt er kopfschüttelnd und in breitem Landshuter Dialekt: "Macht der McQueen noch mehr solcher Taschen?" "Der ist tot", antwortete die Redakteurin, was den Beamten völlig durcheinanderbringt. Straßenschlachten! Schlagringe! Tod! Die Tasche wird zur Ermittlungssache der Staatsanwaltschaft. Der Fall ist noch immer offen: Die Redakteurin hat vom Verlag einen Rechtsanwalt gestellt bekommen, um eine Freiheitsstrafe zu vermeiden. Um ein Bußgeld wird sie nicht herumkommen.

Symbolischer Schutz in schwierigen Zeiten

Dass die italienische Designerin Miuccia Prada eine Tasche mit Metallbolzen verziert, weil sie uns in wirtschaftlich schwierigen Zeiten symbolisch Schutz geben möchte, interessiert den Zoll natürlich nicht. Für ihn ist alleine die Warenbewegung maßgeblich - so der Beamtensprech. Verhandlungsspielräume oder Ausnahmen gibt es nicht. Für das Mitführen von kriminell verzierten Taschen drohen Freiheitsstrafen von bis zu zwei Jahren - genau wie für den Besitz verbotener Waffen. Aber wer möchte schon wegen einer Designerhandtasche vorbestraft werden?

Es trifft längst auch die Männer. Die amerikanische Transportation Security Administration (TSA) hat erst kürzlich Loafers der französischen Marke Christian Louboutin als Schlagwaffe in ihren Katalog aufgenommen. Nachdem die mit Nieten überzogenen "Rollerboy Spikes"-Slipper im Handgepäck eines Passagiers entdeckt wurden, stehen die Luxustreter dort auf dem Schlagwaffen-Index. Wer in solch einem Fall Hilfe von den Luxusunternehmen erwartet, stößt dort auf Unverständnis.

Es ist ja auch nicht so, dass McQueen & Co. ihre Waren nicht kennzeichnen würden. "Knuckle Duster" klingt witzig, heißt übersetzt aber tatsächlich "Schlagring". Damit könnte man den Firmen gewerbsmäßigen Waffenhandel unterstellen und sie wegen international organisierter Kriminalität anzeigen. Aber so weit wird es wieder nicht kommen. Denn wie so oft in der Mode ist es nur eine Frage der Zeit, und ein Trend entschwindet so schnell, wie er gekommen ist. Dann herrscht bald sicher wieder Waffenruhe.