Surfrider Beach in Malibu Strand für Soziopathen

Surfen ist ein hipper Funsport mit muskulösen, kokosnussbraunen Jungs, denen süße Mädchen zuwinken? So heiter war es nicht immer. Am Surfrider Beach in Kalifornien wird bis heute die dunkle Seite gelebt. Ein Besuch.

Von Anne Philippi, Malibu

Mittwochnachmittag. Brise aus dem Westen. Malibublauer Himmel. Am Surfrider Beach ein schönes Bild. Surfbretter wackeln, dreißig Jungs im Wasser. Jeder trägt einen Wet-Suit, das Wasser im Pazifik ist zu kalt, um Hawaiimäßig darin herumzugondeln. Die Jungs warten. Sie warten wie an einer Ampel auf das grüne Licht. Sie warten auf die Welle. Wer sich vordrängelt, wird es bereuen.

Während an anderen Stränden Kaliforniens das blonde Beach-Boy-Ideal dominiert, wird am Surfrider Beach in Malibu die dunkle Seite des Surfer-Lifestyle gelebt.

(Foto: AFP)

Rauf aufs Brett. Die Welle kommt von rechts, sie kommt regelmäßig. Jetzt Balance und Kraft, den Körper oben behalten. Es ist still da draußen. Die Welle flüstert nur. Am Strand ist wenig los. Ein paar Mädchen lungern auf Handtüchern. Sie gehen nicht umher, der Sand ist zu heiß. Er verbrennt die Fußsohlen.

Der Surfrider Beach ist kein Ort zum Flanieren, zum Bikinispaziergang, zum Herzeigen der neuen Brüste. Er ist eine Parallelwelt zum schimmernden Hollywood. Bisschen dreckig. Bisschen runtergekommen, bisschen verkifft. Gegen elf Uhr morgens hängen Marihuanaschwaden über dem Parkplatz. Der Strand ist sein eigener Film.

"Als Anfänger darfst du hier nicht herkommen"

Wer herkommt, kann nicht so einfach mitspielen. Auch nicht, wenn er Pilates-perfekte Beine vorzuweisen hat. Hier wird gesurft. "Als Anfänger darfst du hier nicht herkommen. Du musst erst richtig gut werden. Und selbst dann gibt es eine Hackordnung", erzählt ein Film-Editor aus der Nachbarschaft. Hier ist an diesem Mittag: ein zahnloser Dokumentarfilmer. Ohne Telefon oder Visitenkarte. Er hat seine Jugend am Surfrider Beach verloren. Er muss jeden Tag herkommen und irgendwas filmen, die vergessene Jugend wiederfinden.

Vergessen funktioniert am Surfrider Beach optimal. Die Gedanken schalten nach einer Stunde ab. Woran liegt das? An den Marihuanawolken, die ab und zu vorbeiziehen? Die eigene Person zerfällt. Wer bin ich, und wo geht's hin, wenn ich aus dem Wasser komme? Vermutlich dahin zurück. Seit den frühen 50er Jahren ist dieser Strand berühmt.

Hier surften die ersten Helden einer neuen Sportkultur. Doch hier war nie der Ort für geschäftstüchtige Profisurfer wie Laird Hamilton, die lässig zwischen Hawaii und Malibu hin und her pendeln. Der Strand ist kein Ort für nette Typen aus Kalifornien oder Hippies. Es war immer der Strand für Soziopathen. Ein Menschentyp frei von Mitgefühl oder Weltverbesserungsideen.

Die meisten Jungs stammten aus reichen, aber kaputten Beverly-Hills- und Hollywood-Familien. Sie flüchteten an den Strand, um hier ihre Alkoholikermütter und unterkühlten Väter zu vergessen. Tom Wolfe schrieb 1961 über die Surfjungs: "Beinahe jeder kommt aus einer guten Familie."

Nicht ganz. Auch Immigrantenkinder ohne Finanzbackground surften hier. Hier ging es um die Wellenperformance. Um Surfen, Parties, Sex, Trinken und Surfen. In den 50er Jahren gehörte der Strand der dunkelsten Seele von Malibu: Miklos Sandor Dora aka Miki Dora. Miki trug den Namen "Da Cat", die Katze, weil er auf dem Brett so leicht und elegant aussah. Niemand verstand die Wellen besser als Miki, Sohn ungarischer Immigranten.

Woher Miki kam und warum, spielte hier keine Rolle. Miki galt als der König von Malibu, als der schwarze Prinz vom Surfrider Beach. Miki hatte drei grundlegende Eigenschaften neben seinem Surftalent. Er war unfreundlich, aggressiv, er galt als Ladykiller. Wenn er nicht surfte, arbeitete er erfolgreich als Kreditkartenbetrüger. Miki trug Haare auf den Schultern und jede Menge auf der Brust, sein James-Garner-Lächeln, sein V-förmiger Oberkörper ließen die blonden Jungs und Mädchen aus den WASP-Haushalten an Verbotenes denken.

Hier war nie ein Ort für Aufsteiger

Das klingt nach Drehbuchmaterial und Leonardo di Caprio hatte sich vor Jahren sogar überlegt, Dora zu spielen. Doch daraus wurde nichts. Eventuell war Miki zu düster, zu psycho für die Leinwand. Und für Typen wie Miki wartet nie ein gutes Ende.

Hollywood hat es nie bis zum Surfrider Beach geschafft. Hier war nie ein Ort für Aufsteiger. Wer arm war, erwartete hier niemanden, der ihn reicher machen könnte. Milliardäre und Obdachlose treffen sich an diesem Strand, sie surfen im selben Wasser, ab und zu tauschen sie ein paar Worte. Dabei bleibt es.

Damals galt das Milliardärsdasein ohnehin nicht erstrebenswert, dafür das leicht zu finanzierende Wellenleben. Man arbeitete drei Stunden am Tag als Gemüseauspacker beim Safeways Supermarkt und lebte von 18-Cent-Cheeseburgern. Alles egal. Der Surfrider Beach war es wert. Die Wellen diktierten das Leben, nicht der Berufsberater oder die glänzende Zukunft im Job.