Ritz Paris Hotel Sehnsucht

Mondän, aber auch mit einem Hang zum Überbordenden: Eine Zeichnung zeigt die Suite Coco Chanel.

(Foto: Artcurial)

Das Pariser Hotel Ritz versteigert Teile seines alten Mobiliars: Warum uns die Zeiten von Hemingway und Coco Chanel so faszinieren und Gegenstände eine solche Magie entfalten können.

Von Hilmar Klute

Wahrscheinlich ist die Verlegenheit der einzig angemessene Ausdruck für einen Menschen, der zum ersten Mal das Ritz in Paris betritt. So wie sich dieser junge Vater unverstellt verlegen zeigt, als er die mahagoniverkleideten Decken des hoteleigenen Café Vendôme sieht, die gleichzeitig eleganten und dezenten Leuchtkörper, die Fotos an den Wänden - Porträts berühmter Ritz- Gäste: Coco Chanel, Jean Cocteau, F. Scott Fitzgerald. Es müssen ja immer Namen fallen, wenn es um legendäre Hotels wie das Ritz geht, die Geister wollen beschworen werden, denn ohne belastbaren Mythos könnte man für einen einzigen normalen Café Crème schließlich keine sechzehn Euro verlangen.

Die beiden Töchter, sie tragen Jeans und regenabweisende Übergangsjacken wie ihr staunender Vater, schlagen die Bar als Aufenthaltsort vor. Da sitzen die drei jetzt auf den Hockern, von denen jeder einzelne vermutlich schon dem Hintern einer Legende gedient hat. Drei staunende Gäste des verschwenderischen Lebens, schauen sie auf die mild beleuchteten Whisky- und Cognac-Flaschen im gläsernen Regal. Ja, ruhig noch ein bisschen verstohlen umheräugen: Hinter dem Café Vendôme liegt der Wintergarten, dessen bacchantische Allzeitbereitschaft in der silbernen Schale mit gekühlten Weißwein- und Champagnerflaschen ein schönes Symbol findet. Es sitzen nicht viele Gäste hier, allerdings ist es auch früher Nachmittag, also zu spät für den Lunch, zu früh für das Dinner.

Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Coco Chanel, Marcel Proust und Lady Di - sie alle waren Gast im Ritz und trugen zu seinem legendären Flair bei. Nun wurde das Hotel vier Jahre saniert - kann der Geist der Geschichte einen solchen Eingriff überleben? Ein Besuch. Von Stefan Ulrich mehr ...

Wie mag sich wohl Erich Maria Remarque gegeben haben, als er das Ritz zum ersten Mal betrat? Er hat ja gesagt, dass jeder, der aus einfachen Verhältnissen stamme wie er, ein Leben lang einen Minderwertigkeitskomplex mit sich herumtrage. Hat er seine Verlegenheit überspielt mit im Mundwinkel baumelnder Zigarette, die Hand lässig in die Hosentasche gesteckt, weil er wusste, dass der perfekt geschneiderte Zweireiher keine Falten werfen würde? Remarques Foto hängt auch an der Wand - ein gerade noch junger Mann, vom Erfolg seines Buches "Im Westen nichts Neues" komplett überwältigt.

Fünf Tage lang dauert die Auktion, 10 000 Stücke aus der guten alten Zeit kommen unter den Hammer

Geriet man zu Remarques Zeiten leichter in die mondäne Welt, weil eine gewisse Grundeleganz der prägende Stil jener Jahre war? Haben Zelda und Scott Fitzgerald in ihrer Suite ihre Champagnerlaune - bei Zelda wurde sie zur bösen Sucht - in Ironie und Nonchalance umgemünzt und sich über den überzuckerten Louis-Seize-Stil lustig gemacht? War andererseits dafür nicht Scotts poetische Feier des Mondänen zu todesernst und Zeldas weltliche Feier des Rauschhaften zu todesverliebt? Das Hotelzimmergefühl des stets am Abgrund feiernden Schriftsteller-Pärchens ist heute schwer nachzumessen, und aus der Literatur Rückschlüsse aufs Leben zu ziehen ist bekanntlich verboten. Dafür kann man sich dieser Tage einen Eindruck vom Mobiliar der F.-Scott-Fitzgerald-Suite schaffen: Das liegt daran, dass Teile davon zusammen mit vielen anderen Schränkchen, Tischchen, Betten, Spiegeln aus dem Ritz - insgesamt sind es wohl an die 10 000 Stücke - vom 17. April an in einer auf fünf Tage gestreckten Auktion verkauft werden sollen.

Seit der vergangenen Woche sind die Sachen im Auktionshaus Artcurial an den Champs-Élysées ausgestellt. Auf zwei Etagen überall kostbares Gerümpel, Betten, in denen Menschen aus dem Hause Windsor geschlafen haben, ein Humidor, in den vielleicht Edward VII. seine suchenden Raucherhände gesteckt hat. Dann der Louis-Seize-Sessel mit vergoldetem Holzrahmen, in dem F. Scott Fitzgerald mit einem Glas Whisky (seinem wievieltem, seinem zehnten, elften?) gesessen hat, während sich Zelda am Frisiertisch die Haare machte und Champagner (ihren wievielten, ihren elften, zwölften?) trank. Hat nicht der böse Freund des Paares, Ernest Hemingway, in seinem berühmten Paris-Buch ausgeplaudert, dass Zelda vom ewigen Champagner-Saufen Darmprobleme bekommen hat? Vielleicht begab sich Zelda zum Trinken deshalb auch lieber hinter den Paravent à trois feuilles. Er ist bei der Auktion mit 350 bis 400 Euro veranschlagt, man kann gespannt sein, wer mehr bietet.

Derart ausgemustert kommen einem die schönen alten Möbel wie amputierte Glieder eines großen Ganzen vor, das man im digitalen Spätkapitalismus nach Belieben an die Meistbietenden verteilt. Das muss jetzt aber nicht zu attacartigen Aufwallungen führen - die Sachen müssen einfach raus, nach der Renovierung im Jahr 2016 war kein Platz mehr für sie. So erklärt es jedenfalls François Tajan, der dem für die Verscherbelung zuständigen Auktionshaus Artcurial vorsteht. Und seien wir ehrlich: Möchte ein Gast, der mindestens 1000 Euro pro Nacht für ein Zimmer bezahlt hat, von Sesseln und Stühlen umgeben sein, auf denen ein Zettel liegt mit der Bitte, sich nicht draufzusetzen? Selbst der leidenschaftlichste Liebhaber von gebrauchten Zeugen glanzvoller Tage möchte nicht ernsthaft unter jener Dusche stehen, die als allererste Dusche des Ritz unter den Hammer gehen wird: Armaturen wie in einem Kriegs-U-Boot; ein kleiner unverstellbarer Duschkopf und ein von Rost und Zeitläuften versiffter Wannenboden - das Alter ist ein Massaker.

Und dennoch dürften all die Paire des chaises, die Lampadaires en bois laqué noir et doré, die Weinspendemaschine mit fünf Hähnen und die kitschigen Chopin-Porträts für sehr viel Geld verkauft werden. Möglicherweise werden die Möbel in anderen Hotels, fachmännisch renoviert und aufpoliert, eine Menge hermachen. Vielleicht kommen sie in einer schönen Privatwohnung unter, und deren Besitzer können dann interessierten Gästen Provenienz und Restaurationsaufwand erörtern. Warum wir diese alten Sachen mögen? Vielleicht, weil wir die vergangenen Zeiten immer für die glücklicheren halten? Immerhin hatte ja, wer auf diesen Chaisen saß und an jener alten Rezeption stand, zumindest in großen Teilen ein spritziges Leben geführt. So wie Prinzessin Diana, die gemeinsam mit ihrem Freund Dodi Al-Fayed (dem Sohn des Hoteleigentümers) 1997 im Ritz abgestiegen war, bevor sie zu ihrer letzten, tödlichen Fahrt ins nächtliche Paris aufbrach.

Ein Bild von Coco Chanel, aus der Chanel-Suite. Die Modeschöpferin lebte viele Jahre im Ritz - und starb dort 1971.

(Foto: dpa)

Vielleicht noch ein paar Takte zum Geschmack: Die Möbel und Accessoires, die man ersteigern kann, haben nicht den retroschicken Vintage-Charme wie so viele alte Sachen aus der Art-déco-Zeit, die ja eigentlich die fulminante gebrauchsästhetische Epoche des zwanzigsten Jahrhunderts war. Die Gäste des Ritz saßen schon in den irren Zwanzigern auf nachgemachten, mit ihrem Zierrat und ihren Schnörkeln unzeitgemäßen Sofas und Hockern. Eine üppige Glanzzeit wurde damals aufgerufen; nicht die Belle Époque, die lag nicht weit genug zurück und hatte einen bürgerlichen Anklang; nein, es musste schon das aristokratische Frankreich sein. Rokoko mit ein bisschen Restbarock - das waren eben die Zeiten, als die Nation ihr bürgerliches Selbstbewusstsein noch nicht mit blutigen Revolutionen geschärft hatte.

In Grandhotels wie dem Ritz herrscht das Gesetz der Ästhetik, flankiert vom Recht auf Diskretion. Das ist auch der Grund, warum so viele berühmte Menschen ihre letzten Lebensjahre in Hotels verbracht haben: Vladimir Nabokov im Montreux Palace Hotel, Georges Simenon im Beau Rivage in Lausanne, Coco Chanel eben im Ritz, sie starb dort 1971. Der Auktionskatalog listet das Inventar der Modegöttin auf den hinteren Seiten auf, diskret annonciert unter "Suite Mademoiselle C." Man kann jedes Teil daraus erwerben, den kleinen Schreibtisch, den chinesischen Schnickschnack, die Flakons aus dem Bad, die japanischen Vasen, die Sessel. Vermutlich wird das alles elend verblühen, wenn man es bei sich zu Hause aufstellt. Organe des mondänen Lebens sind sie eben nur im Ritz.

Hemingway feuerte mit einer Maschinenpistole auf das Foto seines Konkurrenten

Hätte Ernest Hemingway in den Fünfzigerjahren nicht eine seiner fast tödlichen Schreibkrisen gehabt, wären vermutlich auch seine beiden alten Koffer bei Artcurial zu finden gewesen. Aber die Leitung des Ritz bat Hemingway im Herbst 1956, die alten Dinger endlich mitzunehmen. Der Schriftsteller ließ sich stattdessen einen großen Louis-Vuitton-Schiffskoffer geben, packte die im Ritz gelagerten Notizen, Tagebücher und Manuskripte ein und ließ alles mit dem Schiff Ile de France auf seine Finca nach Kuba bringen. Das Buch, das daraus entstand, erschien drei Jahre nach seinem Tod: A Moveable Feast, zu Deutsch: Paris - ein Fest fürs Leben.

Das Ritz kommt in der wunderschönen Erzählung nicht vor, obwohl Hemingway hier seine Bar hatte, die nach ihm benannt ist. Vielleicht liegt es daran, dass Hemingway ansonsten diese Geschichte mit seiner späteren Frau Mary Welsh hätte erzählen müssen, die damals noch mit einem anderen Mann verheiratet war. Das Porträtfoto dieses Mannes, der sich von Mary partout nicht scheiden lassen wollte, stellte Hemingway auf die Kloschüssel und feuerte mit der Leidenschaft des Liebenden sowie mit einer Maschinenpistole auf das Bild. Auf diese Weise haben es zwei schöne Stücke aus dem Ritz, das Porträt eines Herrn und die alte Kloschüssel von Hemingway, nicht mehr in die Auktion geschafft.

Stilprägend über den Tod hinaus

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