Mode Fashion Week Berlin: Nachteule trifft Tütensammler

Model Franziska Knuppe (links) saß am ersten Tag der Fashion Week mit Model Rebecca Mir und deren Ehemann Massimo Sinato im Publikum.

(Foto: dpa)

Manchen geht es nur um die Goodiebags, andere verzichten auf Schlaf - und dann sind da noch diejenigen, die nur auf Franziska Knuppe warten. Eine Typologie der Besucher.

Von Felicitas Kock, Berlin

Die Küsschenverteiler

"Hallo, Bussi Bussi, tolle Jacke, nicht dein Ernst, warst du schon bei Malaika? Ja, toll, toll, Bussi, bis später, Schatzi": Was Sie eben gelesen haben, ist keine Begrüßung, sondern ein Auftritt. Er dient dazu, die Zielperson zu herzen - und gleichzeitig den übrigen Anwesenden zu zeigen, dass man jemanden kennt beziehungsweise dass man jemand ist, der von anderen Menschen gekannt wird. Es soll Leute geben, die das Begrüßungsritual bei jeder einzelnen Schau durchziehen, auch wenn sie sich zwei Stunden zuvor schon in der zweiten Reihe bei Anja Gockel um den Hals gefallen sind.

Menschen, die niemanden kennen, haben mehrere Optionen: Bewundernd zuschauen, betreten wegschauen - oder die Frau herzen, neben der sie vorhin schon in der Bahn saßen. Man kennt sich schließlich...irgendwie.

Die Promis

Sie sitzen in der ersten Reihe, meist mittig, dort, wo sich vor und nach der Show eine Traube Fotografen sammelt: Prominente aus Film und Fernsehen, aus Kino und Reality-TV. Größere Marken werben vor der Show mit ihrer illustren Gästeliste. Dass ein Teil dieser Liste teuer bezahlt wurde, um der Frontrow Glanz zu verleihen, ist ein offenes Geheimnis. In den hinteren Reihen wird getuschelt: "Guck mal, da ist Heike Makatsch" oder "Hatte Fritzi Haberlandt nicht vorhin noch was anderes an?", heißt es da. Handelt es sich eher um C-Prominenz, geht das Rätselraten los, bis sich jemand erbarmt, den Cast von "Gute Zeiten, Schlechte Zeiten" zu googeln.

Ein beliebter Stargast sowohl auf als auch neben dem Laufsteg ist Model Franziska Knuppe. Raunen löste in diesem Jahr Arabella Kiesbauer aus, die - der wohl am häufigsten getuschelte Satz des Abends - "noch genauso jung aussieht wie damals", vor 20 Jahren, als sie mit ihrer Talkshow das Nachmittagsprogramm beherrschte.

"Wir können ja nicht nackt herumlaufen"

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Die Cliquenkinder

Es handelt sich hier um drei bis zehn Personen, die den Cheerleader-Effekt perfektioniert haben. Jenen Effekt, bei dem die Wirkung des Auftritts durch die Zahl der Beteiligten exponentiell gesteigert wird. Wichtig: Damit das Phänomen gelingt, müssen alle möglichst gleich aussehen. Omnipräsent bei den Schauen ist etwa die Clique der blonden, schwarz gekleideten Modeexpertinnen. Nur bei ausgewählten Veranstaltungen zeigen sich dagegen die ledertragenden Emo-Rocker. Der Effekt ist immer der gleiche: Alle gucken, Ziel erreicht. Ein weiterer Vorteil des Gruppenauftritts: Man hat immer jemanden dabei, der ein Foto machen und auf Instagram posten kann. #Ilovemycheerleaders

Die Nachteulen

Der Fashionweek-Tag beginnt um zehn, Berlin ist groß und man muss sich nach dem Aufstehen ausnahmsweise etwas Ordentliches überziehen. Das stellt die Modeszene vor kaum überwindbare Aufgaben: Wie sollen all die Cocktail-Empfänge und Aftershow-Parties mit einer Zehn-Uhr-Show von Dorothee Schumacher vereinbar sein? Manche Menschen müssen zwischendurch außerdem noch etwas schreiben. Oder auf einen Kundentermin. Oder eine Präsentation für wichtige Einkäufer vorbereiten.

Es gibt daher Besucher, die sich allein auf die Schauen konzentrieren und ihr Tagesprogramm um 22 Uhr ausklingen lassen (das sind die gleichen Leute, die früher in der Schule immer ihre Hausaufgaben dabei hatten). Es gibt die Nachteulen, die auf jeder Party bis zum Schluss bleiben (yolo) und den Vormittag aus dem Schauenkalender streichen. Wer war noch mal diese Frau Schumacher? Und dann gibt es die nicht gerade kleine Gruppe, die alles mitnimmt und den Schlafbedarf vorübergehend Richtung Null reduziert. Spätestens am dritten Tag erkennt man sie an ihrem leeren Blick und den Augenringen, die dunkel durch das Makeup schimmern.

Die Tütenjäger

Lena Hoschek ist nicht nur wegen ihrer klassischen weiblichen Entwürfe beliebt. Die Designerin aus Österreich gilt auch als Königin der Goodiebags - jener Tütchen, die bei Modenschauen manchmal auf jedem Sitz stehen, manchmal nur auf den wichtigen Plätzen in der Frontrow. Der Inhalt ist selten aufregend: hier ein Nagellack, da ein Lipgloss, eine Piccoloflasche Sekt, ein Kugelschreiber, dazu das Info-Handout zur aktuellen Kollektion. Dennoch sind die Tütchen heiß begehrt. Für manche Besucher sind sie regelrechte Trophäen. Fette Fashion-Week-Beute, die schon mal geklaut wird, wenn der Sitznachbar nicht aufpasst. Erfahrene Tütensammler setzen außerdem auf die Verzögerungstaktik: Sie warten, bis alle anderen ihre Sitzplätze verlassen haben und durchkämmen die Reihen nach zurückgelassenen Goodiebags.

Die Intellektuellen

Wenn unmittelbar vor der Show die Musik auf- und das Licht abgedreht wird, beginnt das Publikum zu leuchten: Zwei Drittel der Besucher halten Smartphones oder kleine Kameras in die Luft und versuchen, so viele Outfits wie möglich abzulichten. Nicht so die Intellektuellen. Sie würden sich nie dem Heer der Amateurfotografen anschließen. Geschmackloses digitales Fußvolk, das. Stattdessen wird geschrieben. Mit Stift auf Papier, wie es sich gehört. Den Blick durch die Fensterglasbrille starr auf die vorbeiziehenden Roben gerichtet. Wer besonders aufgesogen wirken will, nickt zwischendurch wissend oder runzelt die Stirn, bevor er "Schlangenlederboots? Ökologisch korrekt?" in seine Kladde kritzelt.

Die Touristen

Nicht jeder, der auf der Fashion Week unterwegs ist, hat beruflich mit Mode zu tun. Sponsoren laden Gäste ein, Firmen ihre Kunden, dazu kommen Guido-Maria-Kretschmer-Fangirls und Berlin-Touristen, die zufällig eine Akkreditierung ergattern konnten. In der Regel versuchen die Touristen, neben all den Modeexperten so wenig wie möglich aufzufallen, können sich dann aber einen freudigen Kommentar ("Das ist doch die Patricia Riekel!") inklusive ausgestrecktem Zeigefinger nicht verkneifen. Es handelt sich bei dieser nicht gerade kleinen Gruppe um den dankbarsten Teil des Publikums, der mit dem reinen Anwesendsein schon zufrieden ist und freudig applaudiert. Das große Staunen kommt meist erst zum Schluss - wenn der Fashionweek-Neuling erkennt, dass die Show, um die ein Aufhebens gemacht wurde, als würde Karl Lagerfeld gleich mit Anna Wintour einen Discofox aufs Parkett legen, nach zehn Minuten vorbei ist.

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