Immergrüner Garten Befreit von der Saisonfessel

Kein grüner Daumen, aber trotzdem ein grüner Garten? Wenn Sie den Zeitpunkt der Pflanzzeit verschlafen haben, ärgern Sie sich nicht. Dank eines neuen Systems könnte bald das ganze Jahr Pflanzzeit sein.

Von Jonathan Caspar Dralle

Es grünt und blüht unabhängig von der Jahreszeit. Das könnte bald mithilfe des Airpot-Systems möglich sein.

(Foto: dpa)

Baue ein Haus, zeuge ein Kind und pflanze einen Baum - alles zu seiner Zeit. So bei den ersten beiden die Finanzierung und die Partnerin die wichtigste Rolle spielen, ist der Zeitpunkt für die Baumpflanzung von etwas ganz anderem abhängig: von der Jahreszeit. Außerhalb der Pflanzzeit ist, selbst gegen alles Geld der Welt, kaum ein Baum durch Baumhandelsagenturen oder Baumschulen lieferbar - also gar nicht.

So ein holziges Lebewesen mit Blättern und Blüten hat - ähnlich wie wir Menschen - einen sehr klaren Rhythmus, begrenzte Möglichkeiten und ist auf pflanzliche Art und Weise wirtschaftlichen Zwängen unterworfen. Das belegt etwa der jährliche Laubfall, der ein aktiver Abstoßungsvorgang und nicht nur ein Fallenlassen der Blätter ist. Wenn die Tage kürzer werden und der Einfallswinkel der Sonne nur noch einen sehr geringen Umsatz (Photosynthese) bringt, lohnt sich der Unterhalt eines Blattes nicht mehr. Denn dieses muss kontinuierlich mit Wasser und Nährstoffen versorgt werden. Die Konsequenz: Der Baum wirft alle Blätter ab und macht Pause - wie die Eisdiele. Fixkosten (Stamm und Wurzel) sind in Ordnung, aber Variablen (Blätter) werden auf null gefahren.

Pflanzen im Winterschlaf

Diese Pause beginnt je nach Gattung und Wetterlage zwischen Anfang Oktober und November. Von diesem Zeitpunkt an stört es den Baum nicht, wenn ein verkaufstüchtiger Gärtner mit seinem Spaten oder einer Rodungsmaschine einen Teil seiner Wurzeln abschneidet, den gesamten Wurzelballen in ein Jutetuch einwickelt und ihn am Markt feilbietet. Die Kappung der Wurzeln hat zu dieser Jahreszeit sogar einen positiven Einfluss auf die Pflanze. An der Kappungsstelle erfolgt nämlich eine starke Neubildung von Gewebe und aus einer gekappten Wurzelader werden zwei, drei oder mehr. Das Wurzelwerk wird dadurch dichter und hat einige Zeit später mehr Oberfläche, an der Wasser aufgenommen werden kann, als vorher.

Der Baumschulgärtner nennt diesen Vorgang "Verschulen" und hat das Gehölz mit diesem Vorgang eine Qualitäts- und Preisstufe hinauf gepflanzt. Baum und Wurzelballen werden immer größer, und der Baum ist, innerhalb der Pflanzzeit, stets verpflanzbar. Anders herum bedeutet das: Wenn Bäume oder Sträucher nicht alle paar Jahre umgepflanzt werden, kann es passieren, dass der Wurzelverlust beim Verpflanzen zu groß wird und der Baum nach der Wurzelkappung stirbt, da das Zusammenspiel von Wasseraufnahme (Wurzel) und Wasserverdunstung (Blatt) elementar für den Baum ist. Das ist, vergleichbar mit dem Wareneingang und dem Warenausgang in einem Betrieb, stets eine Gratwanderung.

Im Frühjar blüht das Leben auf

Mit dem Frühjahrserwachen etwa Ende März endet die Ruhephase, und der Baum geht quasi in die Vollen. Sämtliches im Boden verfügbares Wasser wird mittels Osmose und Diffusion an und in die Wurzeln transportiert und von den sich gerade entfaltenden Blättern nach oben gesogen und dort am Blatt verdunstet. Deshalb ist es auch so wichtig, dass frisch gepflanzte Bäume, Hecken und Sträucher im Frühling kräftig gewässert werden. Die neu gebildeten Wurzeln nehmen viel Wasser auf, sterben aber auch schnell ab, wenn kein Wasser zur Verfügung steht. Eine Kappung der Wurzel in dieser Phase wäre äußerst folgenreich bis tödlich, da die Pflanze in ein starkes Ungleichgewicht gelangen würde.

Um einem Baum das Anwachsen zu erleichtern, nimmt der Gärtner deshalb beim Pflanzschnitt einige Äste weg um das Gleichgewicht zwischen Wasseraufnahme und Wasserverdunstung in Waage zu halten. Auch ein schattierendes Vlies kann in einer kritischen Situation vor starker Sonneneinstrahlung sowie Wind und somit Verdunstung schützen. Eine Ausnahme sind Pflanzen, die in einem Topf groß geworden sind und auch in diesem verkauft werden. Diese erfahren bei der Pflanzung kaum Wurzelverlust und geraten deshalb nicht in Ungleichgewicht. Sie sind das ganze Jahr über verfügbar und pflanzbar.

Verlockend, nicht wahr? Aber: Die Produktion in einem solchen, bis zu 1000 Liter fassenden Topf ist etwas teurer als die der Ballenware, und der natürliche Habitus der Pflanze ist oft deutlich spärlicher. Zudem kann es passieren, dass die Wurzeln in diesem Topf gegen die Innenwand und anschließend im Kreis wachsen, was ganz und gar nicht förderlich ist.

Befreit von den Saison-Fesseln

Hier setzt das relativ neue Airpot-System an. Es verbindet die Vorteile von beiden Arten der Produktion, kann also jederzeit verkaufbar sein. Die Olympischen Spiele in London hätten ohne dieses System wohl mit einigen Tausend frisch gepflanzten Bäumen weniger stattfinden müssen, weil diese im Sommer 2012 anders schlichtweg nicht lieferbar gewesen wären und der Baufortschritt dort eine Herbst- oder Frühjahrspflanzung unmöglich gemacht hatte. Der Airpot, ein großer Kunststofftopf mit vielen kleinen Löchern, befreit von den Saison-Fesseln: Die Wurzeln des Baumes werden an diese Luftlöcher herangeführt. Dort bemerkt die Wurzel den Betrug, stirbt an dieser luftigen Stelle ab. Sie reagiert so, als ob sie abgeschnitten worden wäre, verzweigt sich etwas weiter innen und zwar stark - ohne aktives Zutun eines Gärtners! Es könnte eine baumschulwirtschaftliche und qualitative Revolution werden.

Trotz alledem: Lassen Sie sich nicht vom Gartencenter oder Pflanzendiscounter mit großen Werbeslogans zur falschen Zeit zur Pflanzung eines Baumes oder einer Hecke überreden, aus deren Sicht ist natürlich immer Pflanzzeit. Der Herbst ist traditionell die beste Pflanzzeit, da die Pflanzen noch einwurzeln können und im Frühjahr nicht unter Stress geraten, sondern gut geerdet und verwurzelt mit dem Austrieb beginnen können, wenn die Frühjahrssonne Umsatz einfordert. Eine leichte Mulchschicht sowie regelmäßige Wassergaben an frostfreien Tagen wirken Wunder gegen winterliche Trockenheitsschäden. Wer den Herbst oder milden Winter verschläft und erst im Frühjahr seinen Hausbaum findet, sollte sich beeilen und sich nach der Pflanzung intensiv um ihn kümmern.