Bomberjacke Hart drauf

Die First Lady der USA mit Bomberjacke und ihrem Mann beim Besuch der vom Tropensturm "Harvey" betroffenen Regionen.

(Foto: dpa)

Sogar die First Lady trägt jetzt Bomberjacke. Früher war sie ein Ausdruck von Härte, inzwischen ist sie in der Couture angekommen - weggehen wird sie nie wieder, auch wenn sie vielleicht ihre Toughness verliert.

Von Jan Kedves

Der bizarrste Fashion-Moment des vergangenen Jahres? Ganz klar der, als Melania Trump in High Heels und tarngrüner Bomberjacke mit ihrem Mann, Präsident Donald, zum Marine-Hubschrauber stakste, um zu den Opfern des Hurrikan Harvey nach Texas zu fliegen. Als die Bilder Ende August um die Welt gingen, skandalisierte man vor allem Melanias Schuhe, weil sie angeblich so schlecht zum Anlass passten. Dabei ist doch völlig klar, dass eine Präsidentengattin bei solch einer Katastrophengebietsbesichtigung niemals auch nur in die Nähe einer Schlammpfütze geraten wird.

Eigentlich signalisierte Melania mit ihren High Heels, die nun einmal ihr Standardschuhwerk sind, sogar genau das Richtige: Bloß nicht aus dem Tritt geraten, weitermachen! Die Bomberjacke hingegen war tatsächlich ein Fehlgriff. Sie war Katastrophenverkleidung, oder: eine Mode-Entscheidung in einem Moment, in dem es um Mode eigentlich als Allerletztes gehen sollte. Zuvor war Melania noch nie mit so einem Ding gesehen worden, jetzt schien sie förmlich zu frohlocken: "Yippie, endlich hab' ich auch mal Gelegenheit, so eine schicke Bomberjacke anzuziehen!"

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Dass der Anblick irritierte, liegt natürlich auch daran, dass die Bomberjacke in den vergangenen Jahren zwar zum Ausweis von Coolness geworden ist, gleichzeitig aber immer noch diesen gewissen "Edge" hat, eine Härte, mit der man auffällt und aneckt. Deswegen kann nicht jede und jeder sie jederzeit tragen. Mit Bomberjacke in die Oper? Mutig. Eine Oma mit Bomberjacke? Ziemlich hart drauf! Die Präsidentengattin mit Bomberjacke? Abgefahren. Mit anderen Worten: Im Gegensatz zur Jeans, die irgendwann ihre Vulgarität und Maskulinität ganz verlor und in allen Lebenslagen normal wurde, signalisiert die Bomberjacke in den alltäglichsten Situationen etwas nicht Alltägliches: Hey, hier ist gerade Ausnahmesituation und Ernstfall - irgendwie krass, aber super!

Warum Ernstfall? Weil die Bomberjacke natürlich aus dem Militär kommt, und aus der Subkultur. In ihrer heutigen Form gibt es sie seit 1958, sie heißt MA-1 und war eine Weiterentwicklung der Fliegerjacken aus Leder, welche die amerikanischen Militärpiloten bis dahin getragen hatten. Neu an dem Blouson mit dem Ballonschnitt war das leichte Material Nylon. Dazu die Strickbündchen, die dicken Metallreißverschlüsse und auf dem linken Oberarm: das aufgesetzte Täschchen, in das man Stifte reinstecken kann. Kampfpiloten der US Air Force trugen die Jacke, während sie Kuba, Vietnam, Kambodscha bombardierten. Und weil man mit einem Kampfjet auch mal abstürzt, war das Innenfutter knallorange. Signalfarbe. Wer den Absturz überlebte und gerettet werden wollte, brauchte die Jacke also nur zu wenden.

Das klingt hart und zynisch, klar, aber genau diese Härte, dieses Martialische der Bomberjacke war es ja, das sie von den Siebzigerjahren an bei Skinheads und bei Punks, die ja die modischen Zyniker par excellence sind, so beliebt machte. Stilbewusstsein ist oft kein ethisches Bewusstsein, oder sogar dezidiert dessen Gegenteil. Wenn das Leben in den Subkulturen der Metropole als Kampf imaginiert wurde, passte die Bomberjacke dazu jedenfalls bestens. Die Nachfrage stieg seit den Siebzigerjahren stetig, nicht nur nach gebrauchten Modellen, weswegen Zulieferer der US Army wie Alpha Industries begannen, die Jacke auch für den zivilen Markt zu produzieren, auch in Weinrot und in Silber. Spätestens seitdem ist die Jacke fester Bestandteil dessen, was man Streetstyle nennt, und damit: Mode.

Nun zeigt ein Blick in die Frühjahrskollektionen 2018, dass auch der Trend zur Luxus-Bomberjacke ungebrochen ist. Los ging es mit ihm in den frühen Nullerjahren, in den Männerkollektionen von Designern wie Raf Simons, Helmut Lang oder Rick Owens. Längst gibt es Bomberjacken - oder Bomberjacken-Variationen - genauso für Frauen, bei Dries Van Noten, bei Acne, bei Vetements, bei dem tollen japanischen Label Sacai, quer durch die Bank.

Manche Designer versuchen, die Bomberjacke ein wenig eleganter, luxuriöser oder femininer zu gestalten. Dem fällt dann schon mal das sehr funktional aussehende Täschlein auf dem Oberarm zum Opfer, oder die Ballonform wird enger auf den Körper geschnitten. So mag sich der Eindruck manchmal etwas in Richtung amerikanisches College-Blouson verschieben. Aber solange der Stoff schimmert (auch noble Seide tut das ja) und solange der Reißverschluss dick ist, bleibt die Referenz eigentlich deutlich.

Geht es hier um so etwas wie um Hochrüstung im weiblichen Kleiderschrank, um ein wenig Kriegsbemalung in Zeiten, in denen quasi minütlich der atomare Ernstfall zwischen Nordkorea und den USA zu erwarten ist? Vielleicht auch ein bisschen. Wobei Mode ja nie monokausal ist und man abgesehen davon sagen muss, dass es ja gar nichts Neues ist, dass sich die Frauenmode Elemente aus der Männergarderobe, die irgendwann mal als zu hart für Frauen galten, einverleibt. Beim Baumwoll-Jersey war das schon so. Bevor Coco Chanel Entwürfe aus ihm schneiderte, wurde es nur für Männerunterwäsche verwendet. Smokings für Damen gibt es erst seit Yves Saint Laurent. Und die Jeans war vorher Arbeitskleidung für Männer. Die Bomberjacke ist in dieser Reihe quasi nur die jüngste Eskalationsstufe.

Interessant dabei ist, wie Modedesigner gerade mit den Grundformen der Bomberjacke arbeiten. Bei Sacai zum Beispiel wird der Torso einer tarngrünen Bomberjacke mit Kragen, Schulterpartie und Ärmeln eines britischen Tweed-Jackets kombiniert. Das sieht aus, als seien zwei Jacken irgendwie ineinander gerutscht. Raffiniert. Die schönsten Varianten gibt es derzeit aber bei dem deutschen Designer Lutz Huelle in Paris. Er schneidert aus weinroten Bomberjacken lange Mäntel, indem er sie ab der Stelle, wo sonst das Hüftbündchen ansetzt, mit signalroter Spitze verlängert, gleichzeitig verlegt er den Verschluss asymmetrisch zur Seite.

Bei Zara und H&M hängen die nachgeschneiderten Bomberjacken in billig

Noch stärker abstrahiert: die hocheleganten Capes, die sozusagen minimale Couture-Versionen der Bomberjacke sind. Letztere bleibt auf den ersten Blick erkennbar, denn abgesehen davon, dass ein kurzes Cape aus Hightech-Polyester, wie er sonst in Sports- und Performance-Wear verwendet wird, quasi schon ganz von allein eine bomberähnliche Silhouette erzeugt (eben einen Ballon), lässt Huelle auf einer Seite vorne einen dicken Reißverschluss aufblitzen. Er hat hier keine Funktion mehr. Außer natürlich darauf hinzuweisen, um welche Jacke es eigentlich geht.

Derweil hängen bei Zara und H&M weiterhin die ganz normalen, nachgeschneiderten Bomberjacken in billig, die reißenden Absatz finden. Genügend Hinweise darauf, dass die Frage "Wann wird die Bomberjacke wieder out sein?" in die völlig falsche Richtung geht. Sie wird nicht mehr weggehen, die Bomberjacke wird bleiben, so wie die Jeans irgendwann einfach geblieben ist. Zwar ist denkbar, dass sie mit der Zeit immer mehr ihre Toughness verlieren wird. Sie wäre dann kein Hingucker mehr. Dann könnte auch Melania Trump sie ganz ohne Hurrikan tragen.

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