Schönschreibhefte Rettung für die Handschrift

Schreiben kann eine Kunst sein. Zumindest, wenn man sich dabei so viel Mühe gibt wie die Bloggerin Frau Hölle.

(Foto: Tanja "Frau Hölle" Cappell )

Weil wir fast ausschließlich digital kommunizieren, droht die Handschrift auszusterben. Doch Rettung naht: Nach Malbüchern für Erwachsene sind jetzt Schönschreibhefte im Trend.

Von Christine Mortag

Man hätte es kaum für möglich gehalten, aber tatsächlich haben sich auf einmal Millionen erwachsene Menschen in ihrer Freizeit an den Küchentisch gesetzt und das gemacht, womit sich sonst nur kleine Kinder beschäftigen: Innerhalb vorgegebener schwarzer Konturen malten sie Zaubergärten, Märchenwälder, fantastische Ozeane und Blumenmeere bunt aus. Malbücher für Erwachsene waren eine der erstaunlichsten Erfolgsgeschichten der letzten Jahre. Als die Verlage dann noch auf die glorreiche Idee kamen, die Bücher zusätzlich als meditatives Anti-Stress-Mittel anzupreisen, gingen die Umsätze durch die Decke und machten die Engländerin Johanna Basford, Wegbereiterin des Trends, von der zuvor völlig unbekannten Illustratorin zur Multimillionärin.

Doch spätestens seit Malbücher mit Titeln wie "Entspann dich endlich, verdammte Scheiße!" auf dem Markt sind, ist klar: Der Peak ist erreicht, es muss dringend ein neuer kontemplativer Zeitvertreib her. Bleibt man im oben genannten Kindchenschema, müsste nach dem Ausmalen als nächster Entwicklungsschritt das Schreiben dran sein. Genauso ist es auch.

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Momentan erscheinen immer mehr Bücher, die zum Beispiel "Schriftenzauber" (Ars Edition) heißen und in denen einem gezeigt wird, wie man kunstvoll schreibt oder Buchstaben, Wörter und Sinnsprüche in unterschiedlicher Typografie von Hand gestaltet. Nun hört sich "mit der Hand schreiben" nicht gerade nach Verkaufsschlager an, also hat man mal wieder einen Begriff aus dem Englischen domestiziert und nennt das Ganze lieber "Handlettering". Die Bloggerszene hat längst schon wieder ihre Handlettering-Koryphäen auserkoren (in Deutschland ist das etwa Tanja Cappell alias Frau Hölle aus dem oberbayerischen Ebenhausen) und ruft regelmäßig zu Handlettering-Challenges auf. Die Ergebnisse werden dann, klar, gepostet.

Trotzdem oder gerade deswegen: In Zeiten exzessiver Social-Media-Tipperei, in denen Kommunikation fast nur noch digital abläuft, gibt es offenbar eine Renaissance des Handgeschriebenen. Buchtitel, vor allem bei Kochbüchern, scheinen kaum noch ohne Schreibschrift auszukommen. Das Kaschmir-Label Brunello Cucinelli wirbt auf einer Anzeige aktuell nicht etwa mit seiner neuesten Kollektion, sondern mit dem Abdruck einer mittelalterlichen Handschrift von 1331. Das nach zehn Jahren reanimierte Frauenmagazin Allegra versieht die Textseiten mit handschriftlichen Passagen, ganz so, als habe man selbst Anmerkungen dazwischengekritzelt. Dumm nur, dass die Schrift extrem unleserlich ist.

Handlettering-Workshops gibt es in fast jeder größeren Stadt

Wer will, kann seine eigene Handschrift inzwischen in Handlettering-Workshops verbessern. In fast jeder größeren Stadt werden sie angeboten, auch von der Hamburgerin Chris Campe. "Bei mir geht es zwar vor allem um die Gestaltung von Buchstaben und dekoratives Schreiben. Aber wenn jemand überhaupt mal wieder etwas mit der Hand zu Papier bringt, verändert sich über kurz oder lang auch das eigene Schriftbild," sagt sie. Die Grafikerin und Illustratorin hat sich erst vor knapp zwei Jahren mit ihrem Designbüro All Things Letters selbständig gemacht und seitdem "mit allem, was aus Schrift besteht, richtig gut zu tun".

Verlage, Werbeagenturen, Zeitschriften buchen ihre Dienste, im nächsten Frühjahr bringt sie im Haupt Verlag das "Handbuch Handlettering" heraus. Workshops veranstaltet Chris Campe, weil die Nachfrage so groß war. Wer da kommt? "Menschen, die mal eine schöne Geburtstagskarte selber gestalten wollen, die ein neues Hobby suchen oder die endlich mal wieder etwas von Hand machen wollen."

Eigentlich kann man es nicht mehr hören, dass zur Zeit alles handgefertigt und selbergemacht sein muss. Aber während man sein Leben auch ganz gut über die Runden bringen kann, ohne jemals ein Brot gebacken oder eine Vase getöpfert zu haben, geht es bei der Handschrift um mehr. Es geht um einen der Grundpfeiler der menschlichen Zivilisation. So zumindest haben Kant und Mirabeau sie bezeichnet. Passt man heutzutage aber nicht auf, kommt sie einem so langsam abhanden.

Schüler bekommen nach 30 Minuten Krämpfe

Das geht schon in der Schule los: Seit diesem Herbst steht in Finnland, im Bildungstext Pisa jahrelang auf den vordersten Plätzen, die klassische Schreibschrift nicht mehr auf dem Lehrplan, dafür aber werden die Schüler in der ersten Klasse schon mit dem Computer vertraut gemacht. Auch in der Schweiz hat sich die Mehrheit der Kantone dafür ausgesprochen, die Schreibschrift komplett abzuschaffen. In Deutschland sieht es nicht viel besser aus: Mütter von Drittklässlern schwören, dass sie das, was in den Schulheften ihrer Kindern steht, nicht mehr entziffern könnten. 83 Prozent der Grundschullehrer bestätigen das.

Laut einer Umfrage des Deutschen Lehrerverbands und des Schreibmotorik-Instituts in Heroldsberg beklagen sie, die Handschrift habe sich in den letzten Jahren erheblich verschlechtert. Auf den weiterführenden Schulen wird es noch alarmierender: Da seien die Schüler, kein Witz, kaum noch in der Lage, länger als 30 Minuten am Stück zu schreiben, ohne dass ihnen die Hand schmerzt oder sie sogar Krämpfe bekämen. Als Gründe führten die Lehrer die fortschreitende Digitalisierung und mangelnde Übung an.

Früher war wirklich nicht alles besser, die Handschrift schon. Früher gab es im Zeugnis noch Noten für Schönschrift, heute ist die Sauklaue kein Einzelschicksal mehr, sondern der Normalfall. Für die Erhaltung der Handschrift sprechen aber nicht nur nostalgische Gründe, sondern auch wissenschaftlich belegte. "Untersuchungen zeigen, dass Kinder, die mit der Hand schreiben, eine bessere Koordinationsfähigkeit und Feinmotorik haben. Beim Schreiben werden die Finger in komplexen Bewegungen bewegt, beim Tippen dagegen müssen sie immer nur hoch und runter. Eine völlig stupide Bewegung", erklärt Silke Heimes, Ärztin und Leiterin des Instituts für kreatives und therapeutisches Schreiben.