12. Februar 2013 11:11 Fashionspießer: Bubikragen Werft die Lätzchen weg!

Von Lena Jakat

Könige, Pastoren, Karrieremänner: Kragen machen Leute. Bleibt die Frage, warum sich derzeit erfolgreiche Frauen in aller Welt dann ausgerechnet niedliche Bubikragen umbinden? Eine Stil-Kolumne.

Keine Spur von braunen Flecken, von vertrockneten Spitzen oder deformierten Blättchen. Makellose Rundungen, symmetrisch um einen Kreis herum angeordnet: So malen Grundschulkinder Blümchen. Und so sieht es derzeit an zahllosen Hälsen aus, nicht nur an Grundschulen, sondern auch auf Roten Teppichen in Los Angeles und auf deutschen Großstadtgehwegen. Der Bubikragen ist zurück. Zum wiederholten Mal feiert das niedliche Accessoire mit einer Hochphase aus der zeit des beginnenden 20. Jahrhunderts ein Comeback.

Sie hängen an Blusen und Abendroben, auf Wintermänteln und Sommerkleidern. Und weil es vielen viel zu aufwändig wäre, den Ausschnitt jedes T-Shirts der neuen Bubimode anzupassen, gibt es - wie praktisch! - die Krägen auch extra zu kaufen, zum um den Hals binden und überall drüberlegen. Es gibt sie in klassischem Weiß, mit Perlen bestickt, aus Spitze, in Neongelb, in Bunt, aus Fake-Leopardenfell. Allseits akzeptierte Stilikonen und respektierte Schauspielerinnen legen sich die runden Lappen auf die Schlüsselbeine, taffe Geschäftsfrauen lassen sie unter dem dunklen Blazer hervorblitzen.

Nun ließe sich argumentieren, dass der Kragen damit endlich von seinem Dasein als stoffgewordener Albtraum des bügelnden Bevölkerungsteils, als bloßes verhasstes Anhängsel befreit wurde. Und seiner ursprünglichen Bedeutung aus dem dunklen Mittelalter wieder zugeführt wurde - als optionales, schmückendes Element. Doch schon im 16. Jahrhundert ging die Bedeutung des Kragens weit über den bloßen Deko-Effekt hinaus.

Respekt statt Mitleid vor der Halskrause

Form und Art verorteten seinen Träger nicht nur im Modekosmos, sondern auch im sozialen Geflecht. Im 15. Jahrhundert importierten Europas Königinnen und Könige aus Spanien zum Beispiel die Halskrause, eine aufwändige und äußerst unbequem anmutende Angelegenheit. Doch provoziert die Erwähnung des Wortes heute mitleidige Blicke und "Ach-Gott-was-hast-du-denn-angestellt"-Gesichter, sorgte die Krause damals noch für Respekt. So ausladend waren die einst royalen Accessoires, dass für die Herrschaften teilweise extralanges Besteck angefertigt werden musste. Welche Aussage eines Kragens! Dass diese Kragenform, die heute unter anderem noch von Pastoren getragen wird, in ihrer Extremvariante auch Mühlsteinkragen genannt wird, passt ganz gut zum Protestantismus und tut der respekteinflößenden Wirkung der Krause keinen Abbruch, im Gegenteil.

Bei den Herrenhemden gibt es den Haifischkragen - mit seinen stumpfen Winkeln und spitzen Ecken zweifellos das männliche Gegenteil des Bubikragens. Und Haifischkragen, wie das schon klingt: Nach Erfolgsorientierung ohne Rücksicht auf nichtsnutzige Surferjungs, nach Alpha-Fisch par excellence.

Und Bubikragen? Es ist ja schon ein bisschen zweifelhaft, wenn Frauen meinen, der Weg zur Emanzipation läge darin, die besseren Männer zu sein. Aber Buben, kleine Jungs? Das klingt nicht gerade nach taffer Geschäftsfrau und Weltenlenkerin.

Im Englischen und manchmal auch im Deutschen heißt der Bubikragen auch Peter-Pan-Kragen. In der US-amerikanischen Uraufführung des Märchens von dem Jungen, der nicht erwachsen werden will, trug die Schauspielerin Maude Adams als Peter Pan am Broadway der Überlieferung nach als Allererste die Stoffrundungen unter dem Kinn - und brachte damit den Fluch der Niedlichkeit über die Welt der Damenmode. Aber Ladys, ernsthaft? Ein netter kleiner Junge, der keine Verantwortung übernehmen will: Ist es das, womit wir assoziiert werden wollen?

Anfang des 20. Jahrhunderts - wie hier 1923 - feierte der Bubikragen seine erste große Glanzzeit.

(Foto: Getty Images)

Dann können wir uns gleich zu den Surferjungs auf ihre Bretter legen und auf der Flucht vor dem fiesen Haifisch(kragen) um unser Leben paddeln. Deshalb ein gutgemeinter Rat: Werft die Lätzchen weg!