Zum Tod von Robert Enke Der kranke Sport

Speziell im Fußball lassen sich bizarre Verhaltensweisen beobachten. Will der Sport psychisch Kranken helfen, muss er sein Selbstverständnis als Kameradensystem ablegen.

Ein Kommentar von T. Kistner

Im Sport wird jetzt nach dem Rezept gesucht, wie der stillen Bedrohung zu begegnen sei, die Robert Enke in den Tod getrieben und die Karrieren mancher Spitzenathleten beendet hat, von Deisler bis Hannawald. Ein gut gemeinter, typischer Reflex der Branche. Doch Lösungen sind im kommerziell aufgetunten Leistungbetrieb Spitzensport so wenig zu finden, wie die Sportpsychologen, auf die nun verwiesen wird, in der Lage sind, psychisch kranke Menschen aufzufangen.

Für diese ist, umgekehrt, der moderne Profisport keine Option. Denn hier verkauft sich der Akteur an eine überdrehte Szene, die nur um die Fragen rotiert, ob die Leistung stimmt, das Ego durchsetzungsfähig ist und welche marktkompatiblen Fähigkeiten sonst auszuschlachten wären; zur Not geht's halt als Nackedei aufs Hochglanzcover.

Sportpsychologen konzentrieren sich auf die mentalen Prozesse ihrer Schützlinge, sie treiben die ausgeklügelten Spielarten der Leistungsmotivation voran. Techniken übrigens, die sich manchmal auch als indirekte Art der Druckausübung verstehen lassen. Depressionskranken jedenfalls hilft derlei nicht, schlimmstenfalls kann es die Fallhöhe zwischen gefordertem Anschein und realem Selbstbewusstsein vergrößern.

Die Depression ist ein noch weitgehend unerforschtes neurobiologisches Phänomen, oft gehört sie medikamentös behandelt - nicht von Psychologen, sondern von Psychiatern. Die Psychiatrie jedoch ist ein Thema, das hierzulande eher stigmatisiert wird, verglichen etwa mit dem Umgang, den die amerikanische Gesellschaft damit pflegt. Um wie viel stärker ist dieses Tabu im offiziell freude- und kraftstrotzenden Sport?

Speziell im Fußball lassen sich zunehmend Verhaltensweisen beobachten, die daneben sind. Sichtbar wird in der Regel nur eine Variante von Psychoproblemen, die manisch-aggressive: Abzulesen in den verzerrten Gesichtern mancher Akteure, an irrwitzigen Gesten wie dem jüngst heiß diskutierten Kopfabschneider-Zeichen eines Zweitligatorschützen in Richtung gegnerische Fankurve oder an Spontanaktionen wie der eines Ex-Nationaltorwarts, der den Kickschuh eines Gegenspielers hinters Torgehäuse wirft.

Dieser verhaltensauffällige Bereich wird gern als Show missverstanden; vollkommen unbekannt sind die stillen Abteilungen des Zuchtbetriebs Spitzensport: Wie gespalten müssen Selbstbewusstsein und Berufsphilosophie all derer sein, die ihre Leistung mit Doping befeuern (müssen) - und dies zugleich ständig leugnen (müssen)?

Der Sport könnte etwas tun. Das würde aber seinem Selbstverständnis als geschlossene Gesellschaft, als Kameradensystem widersprechen: Sich öffnen - und die Themen enttabuisieren, die mit seinen Leistungsansprüchen zu tun haben. Wie die finanziellen und politischen Kontrollen im Sport, so sind auch bestimmte Hilfsangebote für Athleten ineffizient, solange sie aus dem System heraus kommen. Auch der Spitzensport kränkelt, auch er braucht Hilfe von außen - auch, wenn die meisten Fälle nicht so enden wie bei Robert Enke.

"You'll never walk alone"

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