Selbst Franz Beckenbauer verzweifelte nach Lampards nicht gegebenem Tor. "In dem Fall, wenn es noch keinen Torrichter gibt - so wie in der Europa League getestet - hätte der Vierte Offizielle was sagen müssen", sagte er dem Fernsehsender Sky. "Warum sitzt der da draußen? Er hat ja den Bildschirm, er hat ja den Videobeweis, und dann gibt er dem Schiri einen Hinweis und dann gibt es ein Tor."

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Sinnvoller wäre es nur, wenn Beckenbauer diese Erkenntnis nicht dem deutschen Fernsehpublikum, sondern in seiner Eigenschaft als Mitglied der Fifa-Exekutive den zuständigen Gremien mitteilen würde. Die Einzigen, die nämlich die bisherige Regel überarbeiten und Hilfsmittel wie den Videobeweis oder den Chip im Ball einführen können, sind die Mitglieder des sogenannten International Football Association Board (IFAB), einem Kommissionrelikt aus dem 19. Jahrhundert, in dem neben vier Fifa-Mitgliedern und einem Delegierten aus England auch Herren aus den anerkannten Fußball-Großmächten Schottland, Wales und Nordirland sitzen.

An der Haltung dieser acht Herren hat sich seit dem 19. Jahrhundert nicht viel verändert. Erstens gehören ihrer Meinung nach Fehler zum Fußball dazu, und zweitens soll der Fußball auf der ganzen Welt von der Champions League bis zur Kreisliga nach denselben Regeln gespielt werden. Und deshalb votierte das Gremium erst im März 2010 wieder gegen den Einsatz von Hilfsmitteln. Da entschieden sie, "der Technik die Tür endgültig zu verschließen", wie es Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke formulierte. "Die Frage war, sollen wir Technik im Fußball zulassen, und die Antwort war ganz klar: Nein!"

Der Stoff für den Stammtisch geht niemals aus

Dass ihre Argumente nur schwer haltbar sind, interessiert sie dabei nur wenig. In der Champions League geht es um Hunderte Millionen Euro, in der Kreisliga um den Spaß. Und Fehler würde es im Fußball auch mit einem Videobeweis oder einem Chip weiter geben, unfassbare Torwartböcke, falsche Taktiken und Stürmer, die hundertprozentige Torchancen versieben, und Trainer, die falsche Taktiken wählten. Der Stoff für den Stammtisch wird dem Fußball niemals ausgehen.

Solange die Fifa- und IFAB-Herren diese sture Meinung vertreten, verhindern sie auch die eigentliche, viel interessantere Debatte. Wie könnten Videobeweis und/oder Chip denn sinnvoll eingesetzt werden? Sollen sie nur bei Toren und Abseitspositionen zu Rate gezogen werden oder auch bei x-beliebigen Zweikämpfen im Mittelfeld? Hat jede Mannschaft wie im Tennis oder im Hockey die Möglichkeit, ein-, zwei- oder dreimal pro Partie die Entscheidung des Schiedsrichters anzuzweifeln?

Doch diese Diskussionen verhindert ein Gremium aus dem 19. Jahrhundert. Vielleicht kommt es bald vermehrt zu sogenannten Torrichtern, aber vermeidbare Schiedsrichter-Fehler bleiben Bestandteil des Fußballs und werden weiterhin für viel Ärger sorgen - und nicht immer gibt es wie diesmal ein Bild, das wenigstens kurzzeitig für Schmunzeln sorgt.

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(sueddeutsche.de/leja)