Uli Hoeneß äußert sich zu Steuerbetrug "Ich fühlte mich auf die andere Seite katapultiert"

Uli Hoeneß verkriecht sich seit Bekanntwerden seines Steuerbetrugs nicht: Auch in Barcelona führt er die Bayern-Gruppe an - und nun hat er sich in einem Interview erstmals ausführlich zur Affäre geäußert. Er beschreibt sich als einen Menschen, der süchtig nach dem Zocken war, viel Geld verlor und jetzt nachts nicht schlafen kann. An Rücktritt denke er nicht - zumindest nicht vor dem Champions-League-Finale.

Von Andreas Burkert, Barcelona

Am Mittag vor großen Spielen geht die Delegation des FC Bayern schick essen, der gastgebende Verein lädt zum Bankett. Vor dem Halbfinal-Rückspiel bei Barça ist das nicht anders gewesen, und wie sonst auch hat Präsident Uli Hoeneß die Bayern-Gruppe angeführt. Hoeneß, 61, verkriecht sich nicht, seit Bekanntwerden seines Steuerbetrugs nahm er jeden offiziellen Termin wahr. Nach eineinhalb Wochen hat er sich jetzt erstmals ausführlich zu der Affäre geäußert.

Zumindest mit einer Kernaussage des Gesprächs mit der Zeit dürfte er die Nervosität im Verein lindern. Denn Hoeneß versichert, sein Geld in der Schweiz habe nichts mit dem FC Bayern zu tun, zudem existierten keine weiteren nicht erklärten Konten von ihm: Verbindungen der Schweizer Millionen zum FC Bayern könne er "ausschließen. Dieses Konto war ganz allein Uli Hoeneß".

Hoeneß stellte zudem erneut klar, dass er nicht als Präsident und Aufsichtsratschef zurücktreten will. "Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Person dem Verein schadet, werde ich Konsequenzen ziehen", sagte er zwar. "Andererseits steht der Verein sportlich und wirtschaftlich so gut da wie nie zuvor (...). Auf keinen Fall werde ich vor dem Finale der Champions League zurücktreten." Ob er der Tendenz im Aufsichtsrat, wo mehrere Vorstände von Dax-Unternehmen sitzen und man ihn am 6. Mai zum Rückzug aus dem Kontrollgremium bewegen will, folgen werde? Antwort Hoeneß: "Aus heutiger Sicht nein, aber ich kann die Entwicklung der nächsten Tage nicht voraussehen."

Hoeneß hatte 2001 vom damaligen Adidas-Chef Robert Dreyfus 20 Millionen Mark geliehen bekommen, kurze Zeit später stieg der Ausrüster mit zehn Prozent bei der FC Bayern AG ein. Das Unbehagen über diesen Vorgang verstehe er, sagte Hoeneß, "aber es muss doch möglich sein, es so lange zu erklären, bis dieses Geschmäckle weg ist". Dreyfus sei "in keiner Weise an den Verhandlungen mit dem FC Bayern beteiligt" gewesen.

Dass Konkurrent Nike trotz höheren Gebots abblitzte, erklärte er so: "Ich hätte gerne das Geschrei gehört, wenn wir uns für Nike entschieden hätten und damit bei Adidas möglicherweise viele Arbeitsplätze in Gefahr gebracht hätten. Wir haben uns für Adidas entschieden, weil es ein deutsches Unternehmen ist."

Viel Raum nehmen im Gespräch, das Hoeneß im Beisein seines Sohnes Florian, 33, führte, die Auswüchse seiner Zockersucht an der Börse und die persönlichen Folgen der Affäre ein. "Dieses Geld war für mich virtuelles Geld, wie wenn ich Monopoly spiele. (...) Ich habe nie unversteuertes Geld in die Schweiz geschafft." Und weiter: "Es gibt zwei Uli Hoeneß, eigentlich drei. Einer ist der seriöse, konservative Geschäftsmann, beim FC Bayern, bei unserer Wurstfabrik. Der zweite Uli Hoeneß ist auch privat sehr konservativ, nur klassische Geldanlagen (...). Und dann gibt es den dritten Uli Hoeneß, der dem Kick nachgejagt ist, der ins große Risiko ging. Vielleicht steckt dahinter auch die Sehnsucht, die Wirklichkeit zu vergessen, auszubrechen. Das geht an der Börse gut." Er habe "Tag und Nacht mit der Bank telefoniert", sagte Hoeneß. "Manchmal war es sogar im Fußballstadion so, wenn das Spiel ein bisschen langweiliger war, habe ich heimlich auf meinen Pager geschielt."

Als die Börsenblase platzte, "fuhr ich schwere Verluste ein, ich war da richtig klamm", berichtete Hoeneß. "Das war der Moment, als Dreyfus mir anbot, lass uns was zusammen machen, er würde es finanzieren. So kamen die Millionen auf das Konto, es war immer klar, das war ein Konto zum Zocken, für nichts anderes." Das Konto selbst, so Hoeneß, habe er bereits Mitte der siebziger Jahre eröffnet, als "ganz normales Giro- konto", das viele Jahre brach gelegen habe. Aufgehört mit dem Zocken habe er zwangsläufig 2008, im Jahr der Finanzkrise.

Dass er Steuern hinterzogen habe, sei ihm stets bewusst gewesen und er bereue es sehr, erklärte Hoeneß: "Ich habe den großen Fehler gemacht, die fälligen Steuern auf diesem Konto nicht zu bezahlen. Das ist unmoralisch gewesen, das bedaure ich sehr." Allerdings habe er auch "verdammt viel Steuern gezahlt. 50 Millionen Euro Steuern mindestens. Ist trotzdem keine Rechtfertigung für meine Steuerhinterziehung, das weiß ich". Der Verlust seines Images als soziales Vorbild belaste ihn jetzt: "Das ist für mich ein ganz großes Problem. Ich fühlte mich in diesen Tagen auf die andere Seite der Gesellschaft katapultiert, ich gehöre nicht mehr dazu."

Seit Bekanntwerden des Steuerbetrugs, so Hoeneß, lebe er "in einem völligen Ausnahmezustand. Es ist die schlimmste Zeit meines Lebens. Und leider gibt es nur einen, der wirklich schuld ist an dieser Situation, ich selbst". Er schlafe schlecht, "es ist eine Situation, die kaum auszuhalten ist".

Jedoch stehe die Familie hinter ihm, seine Frau Susi, die die Zockerei stets verurteilt habe. Bezüglich des Ermittlungsverfahrens sei er "nach wie vor davon überzeugt, dass meine Selbstanzeige, in der ich reinen Tisch gemacht habe, wirksam ist". Dass Nachreichungen nötig sind, schreibt Hoeneß seinen beauftragten Experten zu: "Sollte es Fehler gegeben haben, habe ich diese nicht persönlich begangen."