Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins Und auf einmal knallt der Korken
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Zwölf oder dreizehn Pints im Pub: Der souveräne Sieg des Briten Bradley Wiggins bei der Tour de France beruht auch auf einer komplizierten Familiengeschichte zwischen Alkoholismus und Spielkasinos - und sie wirft Fragen auf.
Bradley Wiggins wankt, ihm sei schummrig, sagt er seinen Leuten. Es kommt eben alles zusammen, die Anstrengung, die Emotionen, sein Weg. Aber es geht dann bald wieder, obwohl ihm das Durcheinander auf der Avenue Jean Mermoz in Chartres nicht behagt. "Ich bin noch Bradley Wiggins", wird er später sagen: "Abends fahre ich heim und muss den Hunde- und Pferdemist wegmachen."
"Ich habe kein Celebrity-Leben": Tour-Sieger Bradley Wiggins.
(Foto: AP)Allerdings ist dieser Bradley Wiggins, 32, jetzt ein Toursieger, der erste britische zumal, und in seiner Heimat, die ja im Fußball nie etwas gewinnt, ist das eine große Sache. Man sieht das auch nach dem Zeitfahren von Chartres, das Wiggins deutlich gewonnen hat. Im Chaos am Camper seines Sky-Teams stehen britische TV-Reporter im Nadelstreifenanzug und wundern sich, dass französische Rentner und Dreikäsehochs ihr Terrain verteidigen.
Er habe die größte sportliche Leistung eines Briten erreicht, ruft ihm nach der Siegerehrung ein Reporter zu: Wie er das sehe? Wiggins sieht das nicht so. Er sagt, er werde sich nicht ändern. "Ich habe kein Celebrity-Leben, so viel britische Kultur ist auf Leuten aufgebaut, die nichts tun."
Es ist eine ungewöhnliche Geschichte, die Wiggins zu erzählen hat; die Geschichte eines blassen Typen, der auf Paul Wellers Musik und Stil steht und der seinen größten Erfolg wohl auch deshalb feiert, weil er dem Vater etwas beweisen wollte. Nur staunt Gary Wiggins jetzt nicht. 2008 fand man ihn übel zusammengeschlagen in seiner Heimat Aberdeen, Australien. Ein paar Stunden später war er tot.
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In den Siebzigern drehte Gary Wiggins im Sechstage-Zirkus seine Runden, sie nannten ihn den "Doc". Weil er immer Medikamente dabei hatte, die ihn und Kollegen bei den Rennen in den verrauchten Hallen wachhielten. Gary war ein Dealer, manchmal schmuggelte er Aufputschmittel in Bradleys Windeln. Der Junior war in Gent zur Welt gekommen. Zwei Jahre später verließ Gary den Sohn und Linda, seine englische Frau, die er in einem Nachtklub in Manchester kennengelernt hatte. Die Zwei zogen zurück von Belgien nach London, und in Chartres hat Bradley Wiggins jetzt wieder diesen Weg vor Augen, die Bilder, "wie ich mit Mum in der kleinen Wohnung" lebte, in Kilburn im Nordwesten Londons: Arbeitergegend. "Kinder aus Kilburn werden gewöhnlich kein Tour-Favorit", hat er im Frühjahr erzählt: "Du wirst eher Milchmann, Postbote oder arbeitest im Spielsalon." Dort begann sein Weg.
Denn Bradley eiferte dem Vater nach, er kopierte den Mann, zu dem der Kontakt abriss. Er schaut im Fernsehen die Tour, im Zimmer hingen Poster von Miguel Induraín, der fünfmal gewann. Bradley selbst fährt Rennen im Hyde Park, Sechstagerennen bei den Junioren, er startet für denselben Verein, für den auch Gary Wiggins fuhr, den Archer Road Club. Mit 18 zieht er nach Manchester, zur nationalen Bahnfahrer-Elite, mit 20 nach Nantes, das Straßenteam FdJ nimmt ihn unter Vertrag. Aber der Bahn ordnet er alles unter, mit Erfolg: Olympiasieger in der Verfolgung 2004 und 2008. Dazwischen verwandelte er sich in den Sohn des Säufers Gary Wiggins. Mit 24 Olympiasieger, das verkraftete er nicht.
In seiner Autobiografie ("In Pursuit of Glory", 2008) schreibt er: "Nach den Spielen 2004 fühlte ich mich wie die Champagnerflasche, die geschüttelt wird. Und auf einmal knallt der Korken." Und alles ist raus. Er soff im Pub, zwölf, 13 Pints. Bis 2007 Ben zur Welt kam, sein Sohn. Es kam noch eine Tochter hinzu. "Kinder verändern dich", sagt er. "Ich veränderte mich."