Europa League Tottenham: Wie Dortmund in alten Zeiten

Harry Kane erzielte in der Liga bereits 17 Treffer.

(Foto: dpa)
Von Raphael Honigstein, London

Die Spurs hatten schon drei Mal gewechselt, als der Schiedsrichter in der Nachspielzeit Hugo Lloris vom Platz stellte. Gänzlich ohne Torwart konnten die Gastgeber das Europa-League-Spiel gegen Asteras Tripolis aber trotz 5:0-Führung schlecht zu Ende bringen. So kam es, dass sich Stürmer Harry Kane, dem zuvor ein Hattrick gelungen war, mit jugendlichem Draufgänger-Mut in die fachfremde Aufgabe stürzte. Sekunden später hatte er sich als Behelfstorwart großartig blamiert: Der schlaffe Freistoß der Griechen rutschte ihm durch die Arme ins Netz.

Die Zuschauer an der White Hart Lane quittierten das Malheur mit aufmunterndem Applaus. Dann stimmten sie, zum ersten Mal, den Schlachtruf "Harry Kane, he's one of your own" an. Der damals 21-Jährige ist unweit des Stadions, im Arbeiterviertel Walthamstow, aufgewachsen und kam mit elf Jahren zu den Lilywhites, den Lilienweißen. Damit erfüllte er alle formalen Voraussetzungen eines Publikumslieblings.

In den vergangen 20 Jahren landeten die Spurs in der Tabelle nie vor den verhassten Arsenal-Rivalen

Doch erst das Malheur im Tor im Oktober 2014 ließ die Fans vollends begreifen, dass dieser schlaksige Kerl wirklich einer von ihnen ist, ein echter Held Spurs'scher Prägung. Der tragikomische Moment passte einfach zu gut zu einem Klub, der seit knapp hundert Jahren immer wieder an eigenen Unzulänglichkeiten und unverschuldeten Rückschlägen verzweifelt ist, sich aber von solchen Kleinigkeiten nicht den Spaß an der Freude verderben lässt.

Europa League Achtelfinale – Hinspiele

Donnerstag, 10. März

Borussia Dortmund - Tottenham Hotspur (Sky / 19.00 Uhr)

FC Villarreal - Bayer Leverkusen (Sport 1/ 21.05 Uhr)

Schachtjor Donezk - RSC Anderlecht 19.00

FC Basel - FC Sevilla 19.00

Fenebahce Istanbul - Sporting Braga 19.00

Athletic Bilbao - FC Valencia 21.05

FC Liverpool - Manchester United 21.05

Sparta Prag - Lazio Rom 21.05

Rückspiele: Donnerstag, 17. März.

Das Unglück der Spurs begann, als der FC Arsenal 1913 vom Süden Londons in die Nähe der White Hart Lane umzog und sechs Jahre später nach einem dubiosen Geschacher anstelle der sportlich besseren Nachbarn in die damals neu formierte erste Liga aufgenommen wurde. An diesem Schicksalstag verstarb auch noch das langjährige Vereinsmaskottchen Tottenhams, ein südamerikanischer Papagei. In der Folge entwickelten sich die Gunners zur erfolgreichsten Mannschaft der Hauptstadt; in den vergangenen 20 Jahren landeten die Spurs in der Tabelle nicht ein einziges Mal vor den verhassten Arsenal-Rivalen.

Kane ist zum Gesicht der Mannschaft und Nationalhelden in spe aufgestiegen

Das könnte in dieser Saison anders werden. Nach dem 2:2 im Nord-London-Derby am Samstag steht die Elf von Trainer Mauricio Pochettino, 44, auf Platz zwei, fünf Punkte hinter Tabellenführer Leicester City - und weiterhin drei Zähler vor dem FC Arsenal. Stürmer Kane, ein Mann mit vorbildlicher Arbeitseinstellung und einem feinen Gefühl für Räume, hat mit seinen 17 Ligatreffern großen Anteil daran, dass die Fans von der ersten Meisterschaft nach 55 Jahren träumen. Sein fantastisches Tor gegen Arsenal, ein Schlenzer ins Eck aus vollem Lauf, hat das Zeug zum Tor des Jahres.

Das Wunder von Leicester: Über den Knochen des Königs

Leicester City spielte lange keine Rolle im englischen Fußball. Dann wurden die Gebeine von Richard III. unter einem Parkplatz entdeckt - und der Klub begann zu siegen. Von Christian Zaschke mehr ...

Seit seinem Missgriff gegen Tripolis ist Kane vom Talent zum Gesicht der Mannschaft und Nationalhelden in spe aufgestiegen. In der von ausländischen Stars beherrschten Premier League ist in dieser Saison allerdings ein Engländer, Leicesters Jamie Vardy (19 Tore), treffsicherer als er.