Tennis in Stuttgart Die fast vergessene Gewinnerin

Laura Siegemund bei ihrem Sieg in Stuttgart 2017.

(Foto: Bongarts/Getty Images)
  • Vor einem Jahr gewann Laura Siegemund überraschend das WTA-Turnier in Stuttgart. Kurz danach riss sie sich das Kreuzband.
  • Sie fiel elf Monate aus und ist nun wieder glücklich, auf dem Tennisplatz stehen zu können.
  • Die Diplom-Psychologin empfindet die lange Pause als Berreicherung. Sie konnte sich in dieser Zeit auf die Karriere nach dem Tennis vorbereiten.
Von Matthias Schmid, Stuttgart

Während Laura Siegemund im Presseraum in der obersten Etage der Stuttgarter Arena einen Aufsager für den Fernsehersender SWR einübte, erlebte Maria Scharapowa im Hintergrund ein kleines Debakel. Die frühere Weltranglistenerste aus Russland versuchte, unten auf dem Hauptplatz des Porsche Tennis Grand Prix die Aufschläge ihres Trainingspartners zu retournieren. Doch die Bälle landeten überall, am Rahmen ihres Schlägers, im Aus oder im Netz - nur nicht dort im Feld, wo Scharapowa sie haben wollte. Das Turnier wirbt auf seiner Homepage mit der Russin, außerdem noch mit den deutschen Spielerinnen Angelique Kerber und Julia Görges. Im vergangenen Jahr gewonnen hatte übrigens die Stuttgarterin Siegemund. Man hat das fast vergessen.

Dieses Mal ist die 30-Jährige allerdings überhaupt schon glücklich, mitmachen zu dürfen. An den Finaleinzug oder die Titelverteidigung verschwendet sie vor ihrem ersten Spiel gegen die Tschechin Barbora Strycova keinen Gedanken. "Das wäre überzogen", sagt die Rechtshänderin. Sie sieht sich selbst noch als Suchende, sie sucht ihre Form und auch ein bisschen zu sich selbst, nachdem sie sich vor elf Monaten das Kreuzband im rechten Knie gerissen hat. Beim Turnier in Nürnberg war das, Siegemund war gut drauf, selbstbewusst und forsch, nach dem Sieg in Stuttgart gehörte sie sogar zum engeren Favoritenkreis bei den French Open in Paris. Doch dann stürzte sie so unglücklich, dass sie den Platz auf einer Trage liegend und vor Schmerzen aufschreiend verlassen musste.

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Das Kreuzband mache ihr keine Probleme mehr. Aber die diplomierte Psychologin kann sehr gut einschätzen, dass sie noch einige Monaten benötigen wird, um wieder die Form zu erreichen, die sie vor der Verletzung zum Titel in Stuttgart getragen hat: "Ich weiß, dass ich noch nicht so spielen kann, als wäre ich nie weg gewesen."

Am Anfang sei sie auch enttäuscht gewesen, gibt Siegemund zu. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie die Schwere der Verletzung akzeptieren konnte. Aber Siegemund ist nicht nur wegen ihres eigenwilligen Stils mit vielen Netzattacken eine außergewöhnliche Spielerin auf der Profitour, die sich abhebt von ihren Kolleginnen, die oft nur Tennis im Kopf haben. Auch Siegemund liebt Tennis, aber sie hat es gar nicht so vermisst in der langen Pause. "Ich habe nicht auf dem Sofa gesessen und die Tage gezählt, bis ich das erste Mal wieder Bälle schlagen konnte". Sie empfand den temporären Abschied im Rückblick sogar "eher als Bereicherung", wie sie es ausdrückt. Sie konnte sich endlich den Dingen widmen, die bei der Hatz um den Globus als professionelle Tennisspielerin normalerweise viel zu kurz kommen.

Sie hat viel Zeit mit ihrer Familie verbracht, Freunde getroffen und sie hat auch beruflich neue Dinge kennen gelernt. Erstmals hat sie sich auch in sportpsychologische Problemstellungen tiefer eingearbeitet. Sie ist auf Trainertagungen als Referentin aufgetreten oder von Unternehmen eingeladen worden, die mit Sport nichts zu tun hatten, um über Motivation zu referieren. "Das war eine tolle Erfahrung für mich", sagt sie, weil das einerseits Druck rausnahm aus der Rehabilitation und sie andererseits merkte, dass das alles Aufgaben sein könnten für die Karriere nach der Karriere.

Nach drei Monaten hatte aber auch Siegemund "richtig Bock auf Tennis", wie sie sie sagte. Sie wollte wieder Bälle schlagen. Aber sie hielt sich zurück, weil sie nicht viel davon hält schon Vor- oder Rückhände zu üben, wenn man sich noch nicht richtig bewegen kann. Es gibt die berühmten Bilder von Thomas Muster, die den früheren Weltranglistenersten nach einem schweren Unfall dabei zeigen, wie er mit eingegipsten Bein auf einer Bank sitzend Bälle übers Netz gewuchtet hat. "Das passt nicht zu mir", sagt sie selbst. Sie trainiert eher weniger, dafür intensiver.

Im Spätsommer hat sie die ersten Bälle gespielt, ganz langsam, locker aus dem Stand, erst im Dezember hat sie dann wieder so trainiert, wie es Profispielerinnen gemeinhin tun. Das Schwierige an einem Kreuzbandriss sei die Tatsache, "dass es keinen Tag X gibt, an dem man mit Gewissheit zurückkommt", es ist ein laufender Prozess. Mit guten und mit schlechten Tagen. Beim Turnier in Lugano musste sie zuletzt aufgeben, weil sie sich die Wade gezerrt hat. Es gibt immer wieder kleinere Rückschläge, die sie aber nicht sonderlich beeindrucken. Sie ist vielmehr sogar verblüfft darüber, dass ihre Schläge schon wieder ganz ordentlich sind, ihre Beinarbeit auch. "Ich hatte mir den Start auf dem Platz holpriger vorgestellt", gesteht sie.

Doch so einfach wie ein Aufsager fürs Fernsehen wird ihr die Rückkehr auf die Tour wohl nicht fallen, nachdem sie auf Rang 100 in der Weltrangliste zurückgefallen ist. Aber Laura Siegemund will sich alle Zeit geben. Denn sie weiß ja, dass es auch abseits des Tennissports viel Spannendes zu erleben gibt.

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