Tennis Fed-Cup: Gänsehaut in Messehalle 1

Gefeierte Siegerin: Angelique Kerber in Leipzig

(Foto: Jens Meyer/AP)
  • Im Fed-Cup in Leipzig feiert das Publikum eine stark aufspielende Angelique Kerber, die ihr Einzel auf beeindruckende Art gewinnt.
  • Andrea Petkovic hat gegen die junge Schweizerin Belinda Bencic jedoch keine Chance.
  • Teamchefin Barbara Rittner grübelt nun, wie sie am Sonntag aufstellen soll.
Von Matthias Schmid, Leipzig

Nach dem ersten Punkt im vierten Spiel hat es einige Zuschauer nicht mehr auf ihren Sitzen gehalten. Sie sprangen auf und applaudierten lautstark im Stehen, wie sie es eigentlich nur machen, wenn sich etwas wirklich Großes ereignet hat. In diesem Moment spielte Angelique Kerber nur einen Flugball nach einem irrwitzigen Ballwechsel unerreichbar für Timea Bacsinszky ins Feld. In diesen Tagen reicht bisweilen noch weniger von Kerber aus, um die Zuschauer zu entzücken. In der Leipziger Messehalle 1 am Samstagnachmittag war das so. Seit Kerber vor einer Woche in Melbourne als erste Deutsche nach 17 Jahren wieder ein Grand-Slam-Turnier gewinnen konnte, hat sich vieles verändert. Kerber ist eine andere - und auch das deutsche Tennis-Publikum.

"Ich hatte heute einige Mal Gänsehaut", bekannte die 28-Jährige nach ihrem Sieg gegen die Schweizerin Bacsinszky. Die Zuschauer spielten jeden einzelnen Ballwechsel mit, als würden sie selber auf dem Platz stehen. Sie feierten einen Punktgewinn Kerbers fast so euphorisch wie einen Sieg. Und sie litten mit ihr mit, wenn sie mal einen Ball verschlug oder ihre Kontrahentin sie ausspielte. Das hat man lange nicht mehr gesehen bei Spielen deutscher Profispielerinnen. "Die Atmosphäre in der Halle ist der Wahnsinn", betonte Kerber, "das kann ich mit Worten gar nicht beschreiben." Mit dem 6:1, 6:3-Sieg gelang ihr im Fedcup-Spiel gegen die Schweiz der 1:1-Ausgleich für die deutsche Mannschaft, nachdem zuvor Andrea Petkovic Belinda Bencic 3:6, 4:6 unterlegen war.

Kerber beschleunigt Bälle mit unfassbarer Geschwindigkeit

"Ich habe heute versucht, jeden Moment zu genießen", sagte Kerber hinterher. Es war eine Partie, die offenbarte, warum die Linkshänderin gegen Serena Williams die Australian Open gewann und zur neuen Nummer zwei hinter ihrer Finalgegnerin aufgestiegen ist. Kerber spielte sehr wuchtig, sie beschleunigte die Bälle mit einer unfassbaren Geschwindigkeit. Einen Meter stand sie im Feld und nahm die Bälle sehr früh im Aufsteigen. Und sie scheute ebenso wenig den Weg ans Netz, um den Ballwechsel mit einem Flugball vorzeitig zu beenden. Manche Zuschauer, die sie schon länger nicht mehr spielen gesehen haben, wunderten sich, sie staunten ob ihrer Aggressivität.

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"Ich habe so viel mehr Selbstbewusstsein in mir als noch zu Beginn des Jahres", sagte Kerber. Sie ist ein seltenes Beispiel dafür, wie ein einzelner Sieg in einer Karriere alles verändern kann. Sie ist nun nicht mehr die zweifelnde Spielerin, die in den entscheidenden Moment verzagt, zu langsam spielt - und am Ende verliert. Es war aber nicht der denkwürdiger Finalsieg gegen Williams, der sie verwandelt hätte, sondern der Sieg im Viertelfinale gegen Viktoria Asarenka, gegen die sie zuvor alle sechs Partien verlor. "Das war der Knackpunkt für mich", erzählt Kerber, "danach habe ich angefangen wirklich an mich zu glauben. Durch diesen Erfolg habe noch mal eine Stufe draufgelangt, vor allem mental. Und habe das bis zum Schluss durchgezogen." Und seit dem Finalsieg gegen Wiliams weiß sie jetzt auch, dass sie auch große Finalspiele gewinnen kann.