Studie der Sportstiftung Wenn Spitzensport krank macht

Existenzangst, Burn-out, Essstörungen: Eine Studie über Spitzensportler liefert erschreckende Befunde über das Wohlbefinden deutscher Athleten. Mehr als 40 Prozent nehmen bewusst gesundheitliche Risiken in Kauf - noch viel mehr sorgen sich um das Leben nach dem Sport.

Von Boris Herrmann

Es ist keine neue Erkenntnis, dass das Leben eines Spitzensportlers auch seine Schattenseiten birgt. Die Zuschauer haben aber nur bedingt eine Vorstellung davon, wie schattig dieses Leben wirklich sein kann. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Studie der Sporthochschule Köln, die von der Deutschen Sporthilfe in Auftrag gegeben wurde.

Demnach nehmen über 40 Prozent der deutschen Kader-Athleten für ihren Sport "bewusst gesundheitliche Risiken" in Kauf. Über elf Prozent leiden unter einem Burn-Out-Syndrom, über neun Prozent räumen eine depressive Erkrankung ein. Fast jeder Zehnte leidet unter Essstörungen. Hinzu kommt in allen Fällen eine Dunkelziffer von nochmals 30 bis 40 Prozent aller Befragten. Sie ergibt sich aus der Zahl derer, die bei der entsprechenden Frage keine Angabe machten. Sport macht bekanntlich gesund, aber Spitzensport kann dieser Untersuchung zufolge auch krank machen.

Und korrupt. 5,9 Prozent der von der Sporthilfe geförderten Athleten räumen ein, "regelmäßig" zu Dopingmitteln zu greifen (weitere 40,7 Prozent drückten sich in dem anonymisierten Verfahren an dieser Stelle vor einer Antwort). 8,7 Prozent waren schon einmal an Absprachen über den Spiel- oder Wettkampfausgang beteiligt (Dunkelziffer: 37,2 Prozent). 10,2 Prozent sagen, für sie seien absichtliche Regelverstöße ein legitimes sportliches Mittel (40,6). Die letzte Zahl erscheint umso bemerkenswerter zu sein, wenn man bedenkt, dass die klassische Tätergruppe, nämlich die Fußballer, gar nicht befragt wurde, weil sie ihr Geld nicht von der Sporthilfe bekommen.

Die eigentliche Qualität dieser Studie, die unter dem Titel "Dysfunktionen des Spitzensports" am Mittwoch im Bundestags-Sportausschuss vorgestellt wurde, liegt aber darin, dass sie nicht bei der Feststellung des Problems halt macht, sondern auch nach Gründen fragt. Die Autoren um der Sportwissenschaftler Christoph Breuer haben erstmals verglichen, inwiefern sich die Bevölkerung den Werteverfall im Sport erklärt - und inwieweit sich diese Erklärungen von jenen der Athleten selbst unterscheiden.

Demnach nennen nur 13 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber fast 58 Prozent der Sportler "Existenzangst" als mögliches Motiv für Doping, Max-Fixing oder bewusst einkalkulierte Gesundheitsschäden. Ein erschreckender Befund, denn gleichzeitig geben über 90 Prozent der deutschen A-Kader-Athleten an, sich um ihre Berufschancen nach dem Sport zu sorgen. Weniger als zwei Drittel der Deutschen - aber über 88 Prozent der Athleten - meinen, "Erfolgsdruck" führe zu Fehlverhalten im Sport. Breuer sagt: "Die Bevölkerung zeichnet ein heileres Bild vom Spitzensport als die Spitzensportler selbst."

Die Deutsche Sporthilfe hat aus dieser Untersuchung bereits erste Schlüsse für ihr sogenanntes "Förderkonzept Rio" gezogen. Demnach zahlt sie künftig eine monatliche Grundförderung aus, die bei A-Kader-Athleten bei 300 Euro liegt. Dazu können dann noch erfolgsabhängige Prämien kommen.