Stefan Reinartz im Interview "Wenn du verletzt bist, bist du nicht existent"

Hörte mit 27 auf, Fußball zu spielen: Stefan Reinartz

(Foto: imago/Jan Huebner)

Stefan Reinartz beendete seine Fußballkarriere wegen zahlreicher Blessuren mit nur 27 Jahren. Er schildert, wie Trainer Druck auf verletzte Spieler ausüben - und was in der Bundesliga anders laufen müsste.

Interview von Lisa Sonnabend

Stefan Reinartz beendete im vergangenen Sommer seine Fußballerkarriere - mit nur 27 Jahren. Er hatte genug, auch weil er oft verletzt war. Inzwischen betreibt Reinartz, der jahrelang bei Bayer Leverkusen sowie beim 1. FC Nürnberg und bei Eintracht Frankfurt spielte, Impect, eine Firma zur Erfassung von Fußballdaten, - und blickt kritisch auf das Fußballgeschäft.

SZ: Sie haben Ihre Fußballerkarriere sehr früh beendet. Was wäre passiert, wenn Sie weitergespielt hätten?

Stefan Reinartz: Ich wäre sicherlich ständig verletzt gewesen. Schon im letzten halben Jahr meiner Karriere habe ich mir in Situationen wehgetan, in denen sich eigentlich kein Leistungssportler verletzt. Zum Beispiel, als ich einmal im Training aufs Tor schießen wollte. Das kannst du keinem erzählen, dass du dir als austrainierter Leistungssportler eine Sehne anreißt, weil du gegen einen Ball trittst, der 300 Gramm schwer ist. Ich habe es als Warnsignal meines Körpers gedeutet.

Was wollte der Körper Ihnen sagen?

Das Mentale und das Körperliche hängen eng zusammen. Ich hatte mich nach und nach mit einem Karriereende beschäftigt und stand deswegen mental nicht mehr zu 100 Prozent hinter der Sache. Ich habe gemerkt, dass der Körper mir weniger Energie gibt, dass ich mich öfter verletze, mich mehr verschleiße. Zuletzt hatte ich meist Sehnenverletzungen, gereizte Bänder. Wenn du älter wirst, passiert es immer schneller und verheilt immer langsamer. Als ich noch Anfang 20 war, habe ich den Arzt gefragt: Wie lange dauert es? Dann beißt du auf die Zähne und es geht in ein paar Wochen weiter. Am Ende meiner Karriere dachte ich mir: Oh je, schon wieder etwas geholt. Das hat dann eher meine Zweifel bestätigt: Was machst du hier eigentlich?

Wie groß ist der Druck auf die Spieler, nach einer Verletzung möglichst schnell wieder zu spielen?

Es gibt im Verein drei Personen die darüber entscheiden, wann ein Fußballer wieder auf dem Platz steht: der Spieler, der Arzt und der Trainer. Eigentlich ist es ziemlich simpel. Der Arzt müsste sagen: Der Sportler hat das und das. Montag trainiert er wieder, Mittwoch kann er das machen, in zwei Wochen spielt er. Dann hält er noch Rücksprache mit dem Fußballer, wie es ihm geht. Der Trainer müsste eigentlich nur sagen: alles klar, danke für die Info. Bei Jupp Heynckes lief es so, das ist der Idealfall.

Verletzt, verheizt, verloren

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Aber in der Realität sieht es anders aus.

Wenn ich sehe und höre, wie es in vielen Vereinen läuft, ist das oft eher eine Diskussion mit dem Coach. Inzwischen ist es oft so, dass der Trainer nicht mit dem Arzt, sondern erst einmal mit dem Spieler spricht und versucht, ihn auf seine Seite zu ziehen: Geht es nicht doch etwas schneller? Die Ärzte haben sich in der Bundesliga viel wegnehmen lassen. Deswegen fand ich es gut, dass Herr Müller-Wohlfahrt - zumindest ist es bei mir so angekommen - im Streit mit Pep Guardiola beim FC Bayern gesagt hat: Wenn ich nicht die Deutungshoheit habe, bin ich hier fehl am Platz. Ein Arzt hat ja auch die Verantwortung für die Gesundheit von seinem Patienten.

Was müsste anders laufen im Fußballgeschäft?

Der Trainer steht ja unter Druck: Er entscheidet nicht auf mittelfristige Sicht, dass der Spieler in den nächsten acht Monaten fit bleibt, sondern für ihn ist das nächste Spiel immer das wichtigste. Meiner Meinung nach müsste, wenn sogar der Trainer Einfluss nimmt, auch der Manager beteiligt sein. Der hat einen anderen zeitlichen Horizont als der Trainer, ihm ist der Marktwert wichtig und, dass der Spieler zumindest das nächste halbe Jahr lang fit ist. Es passiert, dass ein Spieler das Gefühl hat, so ganz raus aus der Verletzung ist er noch nicht. Wenn der Arzt sagt, du trainierst morgen wieder, kann das aus medizinischer Sicht richtig sein. Aber der Spieler hat vielleicht ein anderes Gefühl. Er müsste dann sagen: Boah, ich glaube, es geht noch nicht.