Schalke kündigt Viagogo Macht der Fans

Dass sich Schalke 04 vom Ticket-Händler Viagogo getrennt hat, wird in der Anhängerschaft als "Schalker Frühling" gefeiert. Es ist ein Erfolg der Fans, die mit ihren heftigen Protesten den Verein überrascht haben. Die Lehre aus der Geschichte: Der Fußball muss trotz allen Kommerzes ein soziales Ereignis bleiben.

Ein Kommentar von Philipp Selldorf

Nachdem Schalke 04 am Montag bekannt gemacht hatte, den Vertrag mit der umstrittenen Kartenbörse "Viagogo" gekündigt zu haben, war in königsblauen Fankreisen alsbald vom "Schalker Frühling" die Rede. Die Anlehnung an die Volksaufstände in Nordafrika ist selbstredend rhetorisch gemeint, aber es hätte einen auch nicht gewundert, wenn nach Verkündung der Nachricht die Menschen in den Straßen von Gelsenkirchen zusammengelaufen wären und Freudenfeuer gezündet hätten.

Der Widerwille im Vereinsvolk gegen das Geschäft mit dem Tickethändler war extrem hoch, und spätestens bei Schalkes Jahreshauptversammlung vor anderthalb Wochen wurde deutlich, dass hier nicht nur eine lautstarke, politisierte Minderheit Anteil nahm. Die vehementen Proteste der organisierten Viagogo-Gegner hatten die schweigende Mehrheit erreicht - der Vereinsfrieden war ernsthaft bedroht. Als der Stammesvorsitzende Clemens Tönnies feststellte, er müsse womöglich "den größten Bulldozer der Welt" anschaffen, um die Gräben zwischen Regierung und Opposition zuzuschütten, hatte er tatsächlich nur ein bisschen übertrieben.

Das Ausmaß des Widerstands hat die Vereinsverantwortlichen überrascht. Sie hatten die politische Komponente des Geschäfts unterschätzt und saßen nun in der Falle: Sie hatten einen Vertrag geschlossen und mussten ihm gerecht werden. Dass die Firma Viagogo den Klauseln dieses Vertrags offenbar nicht gerecht wurde, indem sie Tickets zu massiv überhöhten Preisen anbot - also genau das tat, was die Fans prophezeit und befürchtet hatten -, das hat den Schalker Vorstandsleuten einen eleganten Ausweg aus dem Dilemma verschafft.

"Vertrag fristlos gekündigt!" - diese Pressemitteilung des Vereins war eine Triumphmeldung. Dank und Anerkennung der hausinternen Kritiker folgten prompt, Tönnies kann den Bulldozer gleich wieder abbestellen, aber das Thema ist damit nicht erledigt. Den Schalkern dürfte klar sein, dass der verschmähte Partner seine Rechtsmittel ausschöpfen wird. Für Viagogo ist der geplatzte Vertrag ein Debakel, der Ruf des Unternehmens ist schwer geschädigt. Welcher deutsche Profiverein wird es jetzt noch wagen, eine Kooperation mit der verfemten Firma einzugehen? Die Konfrontation mit der Anhängerschaft wäre unvermeidlich.

Nicht nur in Schalke wird man nun Lehren aus der Geschichte ziehen. Die erste, simple Erkenntnis lautet: Jeder Verein muss so weit wie möglich dafür sorgen, dass die Anhänger zu halbwegs vernünftigen Preisen ins Stadion gehen können. Das Prinzip der unbedingten Profitmaximierung ist an diesem sensiblen Punkt nicht angebracht, der Fußball ist zwar ein Kommerzbetrieb, aber er muss auch ein soziales Ereignis bleiben. Es gibt neben den Eintrittserlösen genug andere Einnahmequellen.

Lehrreich ist aber auch dies: Wenn jetzt die Anhänger ihre Frühlingsgefühle feiern, haben sie dazu einen guten Grund. Ihr Einsatz hat sich gelohnt, der Fall hat Signalwirkung. Ein wenig angewandte Demokratie kann dem Fußball und sogar dem ganzen Land nicht schaden.