Schach Chinas Schach-Vollendung steht kurz bevor

"Ich spüre viel Druck": Liren Ding, 25, weiß, dass die weltweite Schach-Szene seine Entwicklung verfolgt.

(Foto: Sebastian Reuter/Getty Images)
  • Liren Ding, der erste Chinese bei einem Kandidatenturnier, steht stellvertretend für die Entwicklung des Sports in seinem Land.
  • China verfolgt seit vier Jahrzehnten das Ziel, die Schachwelt zu dominieren. Bei den Frauen ist das bereits gelungen.
  • Unter den Top 30 der Weltrangliste stehen fünf Chinesen - dank staatlicher Unterstützung und eines großen Pools an Talenten.
Von Johannes Aumüller, Berlin

Einen Moment bitte, sagt Liren Ding und eilt quer durch den Raum. Kurz danach kommt er zurück, aber nicht alleine, sondern in Begleitung einer Mittfünfzigerin. Eine Übersetzerin? Nein, die Generalsekretärin des chinesischen Schach-Verbandes. Liren Ding ist ein netter junger Mann, bei einem Gespräch am Rande des Kandidatenturniers in Berlin berichtet er gerne, wie er sich so fühle und welche Ziele er habe. Aber etwas heiklere Fragen wie die generelle Unterstützung durch die nationale Föderation und die Regierung, das sollen dann doch andere beantworten.

Ding, 25, aus der ostchinesischen Provinz Zhejiang, ist der nominell beste chinesische Schachspieler. Und er ist der erste Chinese, der an einem Kandidatenturnier teilnimmt. Am Dienstagabend ist klar, wer das Achterfeld für sich entscheidet und im November gegen Weltmeister Magnus Carlsen antreten darf. Die besten Chancen hat vor der Schlussrunde Fabiano Caruana (USA), der einen halben Punkt vor der Konkurrenz liegt. Ding ist Vierter, aber unabhängig von seiner endgültigen Platzierung darf er für sich reklamieren, ein gutes Turnier zu spielen. Und in jedem Fall steht er beispielhaft für eine bemerkenswerte Entwicklung des Sports in seinem Land.

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Während der Kulturrevolution unter Mao Zedong war Schach in China noch verpönt. Doch schon 1975 trafen sich unter Führung von Tan Chin Nam in Malaysia Geschäftsleute, Exil-Chinesen und Schach-Funktionäre, um einen so ambitionierten wie langfristigen Plan zu entwickeln. Der Name: "Big Dragon Project" (Projekt Großer Drachen). Das Ziel: China soll die Schachwelt dominieren - bis 2010. Erst bei den Frauen, dann bei den Männern.

Bei den Frauen gewann China fünf der vergangenen sieben WM-Titel

Rund vier Jahrzehnte später ist es mit der Vollendung dieses Projektes ziemlich weit gediehen. Unter anderem dank staatlicher Unterstützung, eines aufgrund der großen Bevölkerung zwangsläufig großen Pools an möglichen Talenten - und eines wenig zimperlichen Umganges mit diesen Talenten, wenn es etwa um den Trainingsumfang geht. Gemeinsam mit Russland ist China inzwischen das führende Land. Bei den Frauen zeigt sich das schon länger: Bereits seit Ende der Neunziger gewannen sie regelmäßig die Schach-Olympiade. Bei fünf der sieben vergangenen WM-Kämpfe triumphierten Chinesinnen, alleine vier Mal Hou Yifan, die auch vor Landsfrau Ju Wenjun die Weltrangliste anführt.

Bei den Männern setzte der Sprung an die Spitze etwas später ein. 2014 gewann China die Schach-Olympiade, 2015 und 2017 die Mannschafts-WM - auch wenn dort nicht immer alle Länder in Top-Formation antraten. Unter den Top 30 der Weltrangliste stehen inzwischen fünf Chinesen. Nur die Krönung fehlt noch: dass ein Chinese mal einen WM-Kampf bestreitet - oder gar Weltmeister wird.