Pferdesport "Me Too" beim Reiten? Gerade beim Reiten!

Es gibt viele Fälle von Missbrauch im Pferdesport.

(Foto: Getty Images)
  • Die Internationalen Reiterliche Vereinigung beschäftigt sich im Zuge der "Me Too"-Debatte intensiver mit den Themen Missbrauch und Nötigung im Reitsport.
  • Gerade die Strukturen im Pferdesport begünstigen Übergriffe. Das zeigen viele Fälle in der Vergangenheit.
  • Gerade Pferdepflegerinnen, seien eine Gruppe, die geschützt werden müsse, heißt es.
Von Gabriele Pochhammer

Die junge Frau wurde leblos im Pferde-Lkw gefunden, ein paar Tage später starb sie im Krankenhaus. Sie hatte versucht, sich aufzuhängen. Das Geschehen am Montag nach dem internationalen Reitturnier in Magna Racino (Österreich), das im Mai 2017 in den Polizeiakten als Selbstmord vermerkt wird, gibt Rätsel auf. War die Pferdepflegerin Opfer sexueller Belästigung geworden? John Roche, Springdirektor der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI), versucht nun herauszufinden, was die Frau zu ihrem Entschluss getrieben hat. Die Beweislage ist dünn, wie in allen anderen Bereichen sind Belästigungen und Nötigung auch im Pferdesport ein Thema, über das man nicht gerne spricht.

Erst 2016, viele Jahre nach seinem Tod, wurde im Zuge der "Me Too"-Debatte der in den USA legendäre Springtrainer Jimmy Williams als Sexualstraftäter entlarvt. Mehrere seiner damals jugendlichen Schülerinnen sprachen jetzt über ihre Erlebnisse, einige sind noch immer in psychiatrischer Behandlung. Ein nach Williams benannter Nachwuchspreis wurde vom amerikanischen Verband stillschweigend ohne Begründung umbenannt.

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Aber die FEI hat inzwischen begriffen, dass sie über das Thema sprechen muss. Beim FEI-Sportforum Ende März stand "der Schutz der Athleten vor Missbrauch und Nötigung" auf der Agenda. Den Anstoß hatte ein mehr als 100 Seiten langes Dossier des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) gegeben. Demzufolge ist das, was mit dem englischen Wort "harassment" beschrieben wird (Belästigung, Nötigung), eines der dringlichsten Probleme des heutigen Sports. In einigen Sportarten ist das ganz sicher so, immer dort, wo junge Leute, vor allem Frauen, von ihren Trainern nicht nur sportfachlich, sondern auch mental abhängig sind. Wo der Trainer Gunst und Ungunst verteilen und über sportliche Chancen entscheiden kann.

In Vereinen und Reitställen überwiegt die Zahl von Mädchen und Frauen

Echt, beim Reiten? Gerade beim Reiten. 76 Prozent der Mitglieder in Reitvereinen sind Mädchen und Frauen, in den großen Turnierställen überwiegt der Anteil der Pferdepflegerinnen. Sie machen diesen oft schlecht bezahlten und sozial nur dürftig abgesicherten Job, weil sie Pferde lieben. Weil die Pferde, die sie betreuen, oft Ersatzkinder sind, Lebewesen, für die sie sich verantwortlich fühlen und auch Überstunden und zuweilen miserable Arbeitsbedingungen in Kauf nehmen. Darüber hinaus sind Reisen zu den internationalen Turnieren, der Kontakt mit der großen Welt und ihren prominenten Akteuren für viele verlockend. Die Lkw, in denen die vierbeinigen Stars zu ihren Auftritten chauffiert werden, sind inzwischen rollende Luxusquartiere, mehrere Hunderttausend Euro teuer, ausgestattet mit komfortablen Kabinen, in denen die Pfleger und häufig auch die Reiter übernachten. "Durch diese räumliche Nähe über mehrere Tage entstehen natürlich Situationen, in denen es zu sexuellen Übergriffen kommen kann", formuliert ein hoher FEI-Funktionär vorsichtig: "Da baut sich schnell ein gewisser Druck auf." Deutlicher wurde ein US-Delegierter beim Sportforum in Lausanne: Gerade die "Grooms", die Pferdepflegerinnen, seien eine Gruppe, die geschützt werden müsse.

Während aus diesem Dunstkreis wenig nach außen dringt, sind viele Fälle von Missbrauch in den Reitställen im Lande im Internet nachzulesen. Reitlehrer, die ihre jugendlichen Schülerinnen bedrängen, sind ein typisches Szenario. Ein anderes sind Pferdebesitzer, die jungen Mädchen versprechen, ihnen ein tolles Pferd zum Reiten zu geben - oder umgekehrt drohen, es wegzunehmen, wenn sie dem Drängen nicht nachgeben. Natürlich sind auch die Menschen, die sich mit Pferden beschäftigen, nicht per se besser als alle anderen. Auch unter ihnen können Gesetzesverstöße vorkommen. Vor ein paar Monaten wurde ein Reitlehrer aus Schleswig-Holstein zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Er hatte eine 13 Jahre alte Reitschülerin in insgesamt 18 Fällen missbraucht. Der Kieler Oberstaatsanwalt fand für diese Taten klare Worte: "Solange das Mädchen 13 war, ist es auch ganz egal, was sie gemacht hat. Sie kann sich dem Mann nackt an den Hals geworfen haben, in diesem Moment ist sie das Kind und er der Erwachsene, der Nein sagen muss." So viel zu der Argumentation, die Minderjährige habe es "doch auch gewollt".

Lange bevor das IOC und jetzt auch die FEI das Thema auf den Tisch brachte, haben der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) deutlich Stellung bezogen. Die FN befasst sich seit mehr als zwei Jahren mit dem möglichen Missbrauch im Pferdesport. "Das ist für uns ein Thema, wenn auch keines, das Spaß macht", sagt FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach: "Wir haben einige konkrete Maßnahmen ergriffen. So ist an die Trainerlizenz ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis geknüpft. Bei konkreten Missbrauchsfällen kann die Trainerlizenz, aber auch die Turnierlizenz entzogen werden."

Generalsekretär Lauterbach stellt klar, dass nicht nur sexueller Missbrauch gemeint ist

Des weiteren arbeitet die FN mit dem Verein Zartbitter e.V. zusammen, an den sich in Bedrängnis geratene Jugendliche wenden können. Lauterbach stellt aber auch klar, dass nicht nur der sexuelle Missbrauch gemeint ist. Es gibt viele Arten, Macht zu missbrauchen und Menschen unter Druck zu setzen: durch Mobbing, durch Versprechen finanzieller Vorteile, bis hin zur Nötigung, gegen Anti-Doping-Regeln zu verstoßen. Festzustellen, dass es Nötigung und Missbrauch gibt, kann nur der erste Schritt sein. Es braucht handfeste Sanktionen, die im Reglement verankert sind. Damit sich niemand darauf verlassen kann, dass Missbrauch achselzuckend toleriert wird.

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