Olympia 14 Zentimeter Biathlon-Geschichte

Kopf an Kopf sprinten sie über die Ziellinie, doch im Fotofinish liegt der Franzose Martin Fourcade die entscheidenden Zentimeter vor Simon Schempp (rote Haube).

(Foto: Getty Images)
  • Simon Schempp liegt im Biathlon-Massenstart nicht einmal eine Schuhlänge hinter Olympiasieger Martin Fourcade.
  • Für ihn ist die Silbermedaille nach wochenlangen gesundheitlichen Problemen dennoch eine große Genugtuung.
  • Hier geht es zum Medaillenspiegel.
Von Saskia Aleythe, Pyeongchang

Zwei Minuten? Drei Minuten? Simon Schempp hatte sein Zeitgefühl verloren, als er da stand in der Biathlonarena von Pyeongchang und erst der Bildschirm ihm verraten sollte, ob er nun Olympiasieger war oder nicht. Neben ihm der Franzose Martin Fourcade, sein Widersacher im Zielsprint. "Ich habe erst seinen Namen, dann meinen Namen und dann Fotofinish gesehen, aber noch keine Platzierung", sagte Schempp später, und als der Computer dann ausspuckte, wer nun die Goldmedaille bekommen sollte für dieses olympische Massenstart-Rennen, dachte Simon Schempp im ersten Moment: "Shit."

Welche Schuhgröße haben Sie, Simon Schempp? "Zwei Nummern zu klein", sagte der 29-Jährige und lachte, dann zeigte er mit den Fingern an, wie viel ihm vermutlich gefehlt hatte zum Olympiasieg. 14 Zentimeter, berechnete der Dienstleister für die Zeitnahme später. Da war Schempp längst gedanklich im nächsten Stadium dieses Abends angekommen, der erste Moment hatte ohnehin nur Sekunden gedauert. "Im zweiten Moment ist es mir bewusst geworden, das ist meine erste olympische Medaille in einem Einzelwettkampf. Ich bin total glücklich mit Silber", sagte Schempp.

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Und es war ja nicht nur ein Wettkampf, in dem am Ende eben Olympiamedaillen vergeben wurden - es war das spannendste Rennen der bisherigen Spiele. Disziplin-Trainer Andreas Stitzl ist ein emotionaler Mensch, wenn er an der Strecke seine Athleten nach vorne brüllt, und er wurde dann auch in der Analyse überschwänglich: "Das war ein Riesenfight, der geht in die Geschichte ein." Auch weil Schempp vor vier Wochen beim Weltcup in Antholz noch um seine Olympia-Form gebangt hatte.

Biathlonrennen sind manchmal ein Kampf gegen die Uhr, gegen die äußeren Bedingungen und manchmal auch direkt gegen die Konkurrenz. Sprint und Einzel absolvieren die Athleten für sich im Wettstreit mit der Zeitnahme, der Massenstart bietet über die gesamte Distanz im Bestfall das direkte Duell - was sich am Sonntagabend in Pyeongchang bis zum Zielstrich bestätigen sollte. Nach dem zweiten Schießen hatte sich das Pulk der 30 Besten noch nicht wesentlich entzerrt. Benedikt Doll, Erik Lesser und Simon Schempp liefen vorne mit, sie waren bis dahin ohne Fehler geblieben. Fourcade musste schon zum Auftakt in die Strafrunde, lag nach dem dritten Schießen aber wieder vorne - während Johannes Thingnes Bö, Olympiasieger im Einzel, nach drei Fehlern nichts mehr mit dem Ausgang des Rennens zu tun hatte.

Zu dritt ging es nach dem dritten Schießen vorne wieder auf die Strecke, Schempp und Lesser ließen Fourcade nicht entkommen, sie nahmen ihn sogar in die Zange. Gemeinsam stand das Trio schließlich beim vierten Schießen. Alle drei schossen Fehler, Schempp und Fourcade nur einen, so war klar: Der Sieg würde sich zwischen ihnen entscheiden.

Männer-Bundestrainer Mark Kirchner litt dann ein paar Minuten, er musste ja am Schießstand verharren und sich den Ausgang auf der Leinwand anschauen. "Das macht nicht so viel Spaß, dann so lange hier zu stehen. Da läuft man lieber", sagte Kirchner, "das will ich keinem zumuten, in mein Innenleben zu gucken." Sein Herz schlug ja nicht nur für die Entscheidung um die Goldmedaille, Erik Lesser kämpfte schließlich weiter hinten gegen Emil Hegle Svendsen um Bronze, er wurde Vierter vor Benedikt Doll auf Rang fünf, Sprint-Olympiasieger Arnd Peiffer erreichte Rang 13.