Neue Details der Dopingstudie Brisante Fragen an Genscher und Bach

Teile der großen Doping-Studie sind nun öffentlich, aber aus dem ursprünglichen Bericht fehlen etliche Passagen. Darin geht es zum Beispiel um die Rollen der langjährigen Bundesminister Hans-Dietrich Genscher und Wolfgang Schäuble sowie des deutschen Spitzenfunktionärs Thomas Bach. Warum wurden die brisanten Stellen gekürzt?

Von Johannes Aumüller, Boris Herrmann und Thomas Kistner

Der langjährige Fußball-Nationaltorwart Toni Schumacher war 1987 in der Bredouille. Er hatte sein Enthüllungsbuch "Anpfiff" mitsamt Dopingvorwürfen veröffentlicht und war in der deutschen Kickerbranche zum Nestbeschmutzer geworden. Zudem hatte der Stern den Mannschaftsarzt Heinz Liesen mit den Worten zitiert, Schumacher sei der einzige Nationalspieler, der Mittel zur Leistungssteigerung hätte haben wollen.

In dieser Situation soll sich nun Folgendes zugetragen haben: Adidas soll erwogen haben, den Vertrag mit Schumacher zu beenden, der Torwart wollte den Sportmediziner angeblich wegen dessen Aussage auf 1,5 Millionen D-Mark verklagen. Das ganze habe sich erst aufgelöst, als eine andere Person ins Spiel kam: Thomas Bach.

Der deutsche Spitzenfunktionär, Chef des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und Anwärter auf das Präsidentenamt im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), war damals schon Mitglied im Nationalen Olympischen Komitee und bekam als Adidas-Angestellter bei Horst Dassler die Grundzüge des sportpolitischen Strippenziehens mit. Adidas hätte die Idee dann unter den Tisch fallen lassen. Diese Schilderung findet sich, ohne Klarnamen, aber mit eindeutig dechiffrierbaren Umschreibungen, auf Seite 719 des 804 Seiten umfassenden Dokumentes, das die Berliner Forscher der Studie "Doping in Deutschland" 2012 unter dem Titel "Abschlussbericht" fertigstellten.

Es ist eine interessante Stelle, weil Liesen auch in diverse Forschungsprojekte zur Wirkung leistungssteigernder Mittel eingebunden war. Es ist auch nur die Schilderung eines Zeitzeugen, es sind dort keine Belege aufgeführt. Adidas erklärt auf Nachfrage, aus ihren Unterlagen "ergeben sich diesbezüglich keine Anhaltspunkte"; Thomas Bach ließ ausrichten, dieser angebliche Vorgang sage ihm nichts. Doch das Bemerkenswerte ist: In den Berichten, die der Auftraggeber der Studie, das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp), am Montagnachmittag online gestellt hat, fehlt diese Passage - wie auch so vieles andere fehlt.

Im Vergleich zu dem Bericht der Forscher von 2012 sind es rund 680 Seiten weniger. Nicht jede davon ist brisant, manches wird bloß ausführlicher formuliert, einiges ist redundant. Das BISp teilte auf Anfrage mit, dieses Dokument habe eingekürzt werden müssen, weil es "nicht die formalen Anforderungen an einen Abschlussbericht" erfüllte. Was bei den Kürzungen vor allem auf der Strecke blieb, sind jene 130 Seiten mit Abschriften von Zeitzeugeninterviews, die in der Ursprungsfassung enthalten waren.

Die Wissenschaftler haben mehr als 50 Zeitzeugen befragt, darunter Dopinganalytiker, Sportmediziner, Sportfunktionäre, Trainer, Athleten, Betreuer, Journalisten. Aus Sicht der HU-Historiker handelt es sich dabei keineswegs nur um einen hübschen Zusatz, sondern um einen zentralen Teil der Forschungsarbeit. Hier wird ihre Geschichtsforschung auf beklemmende Weise anschaulich. Laut BISp fehlt auch dieser Abschnitt, weil er "nicht die formalen Anforderungen an einen Abschlussbericht" erfülle. Einer der Forscher sagt: "In der Kurzfassung kann man gar nicht mehr erkennen, wie wir unsere Thesen entwickelt haben."

In der Kurzfassung fehlen aber auch einige Details, die auf große Zusammenhänge hindeuten. Eines dieser Details ist der Name Hans-Dietrich Genscher. In der gut 800 Seiten dicken Version von 2012, die der SZ vorliegt, wird der FDP-Politiker von mehreren Zeitzeugen belastet.