Medaille für Turner Marcel Nguyen Mit Überbreite-Grinsen zu Silber

Mit Marcel Nguyen hatte vor dem Mehrkampffinale der Turner kaum jemand gerechnet. Doch der Unterhachinger erreicht trotz eines mäßigen Beginns Platz zwei hinter einem übermächtigen Japaner. Es ist die erste deutsche Mehrkampfmedaillle bei Olympia seit 76 Jahren.

Von Volker Kreisl, London

Was sich an den anderen Geräten abgespielt hatte, hatte Marcel Nguyen nur halb mitbekommen. Er war der letzte Turner des Abends, und er saß alleine neben der Monitor-Anzeige auf der Bodenmatte. Nguyen rieb etwas Magnesia an die Fußsohlen und krümelte den Rest auf den Teppich. Nebenan holten die Konkurrenten um die Medaillen nochmal das Letzte aus sich heraus, aber Nguyen sah nicht so aus, als würde er rechnen. Er schaute nur zum Punktgericht und wartete auf die Freigabe. Dann lief er los und machte sich an die vier Akrobatik-Bahnen, die noch im Weg waren zum Höhepunkt seiner Laufbahn.

Silbermedaille für Turner Nguyen "Das wird mich mein Leben lang stolz machen"

Marcel Nguyen hat überraschend die Silbermedaille im Turn-Mehrkampf gewonnen. Damit ist der 24-jährige der erste Deutsche seit 76 Jahren, der in diesem Wettkampf auf dem Treppchen steht.

(Video: SID, Foto: dpa, Foto: dpa)

Beim Deutschen Turnerbund hatten sie insgeheim mit einer Medaille gerechnet in diesem Mehrkampffinale. Fabian Hambüchen war nach seiner individuellen Vorbereitung mit neuem Selbstbewusstsein, präzisen Elementen und großer Sicherheit am Reck in diese Spiele gegangen, er war nach der Qualifikation drittbester Mehrkämpfer. Am Ende aber holte Nguyen die Mehrkampf-Medaille, es war die erste für einen deutschen Turner seit 76 Jahren.

Der Unterhachinger gewann mit 91,031 Punkten Silber hinter dem Japaner Kohei Uchimura (92,690) und vor Danell Leyva (USA/90,698). Weil Uchimura als unüberwindbar gilt, und der Rest der Welt nur um Silber kämpft, schimmert diese Medaille ein bisschen anders als nur silbern.

Nguyens Gefühlsausbruch ist nicht anders zu erklären. Er grinste für seine Verhältnisse schon in Überbreite, als er von der Bodenbühne stieg. Als der Computer seinen Namen dann tatsächlich unter den von Uchimura setzte, sprang er der Reihe nach Physiotherapeut Cyrus Salehi sowie den Trainern Andreas Hirsch und Valeri Belenki in die Arme und sah sich einem Pulk von Kameraleuten und Fotografen gegenüber, die mit gezücktem Gerät vor den Augen herbeirannten. Mit Nguyen hatte man nicht gerechnet.

Der 24-Jährige macht nicht viel Aufhebens um sich, hinterher sagte er: "Ich bin stolz, Zweiter hinter Uchimura zu sein." Sein Geheimnis, seine spezielle Taktik? "Ich hab' gemacht, was ich immer mach'." Bei diesem Olympia-Mehrkampf galten neben Hambüchen ein Amerikaner, ein Brite, ein Russe und ein Ukrainer als Kandidaten für den Platz hinter Uchimura - Nguyen kam dagegen ums Eck. Im Schatten blieb er trotz seines EM-Titels am Barren und einiger deutscher Titel auch innerhalb der deutschen Turn-Szene, obwohl er sich in den vergangenen zwei Jahren deutlich weiterentwickelt und es zu einiger Konstanz gebracht hatte. Sein Vorteil gegenüber vielen Konkurrenten war, dass er kaum große Ausschläge nach unten in den Schwierigkeitswerten hat.