Manchester United Tickende Bombe

Manchester United galt lange als reichster Klub der Welt. Nun können die Engländer ihre Finanzprobleme nicht mehr verbergen.

Von Raphael Honigstein

Unter der Woche war Manchester United so omnipräsent, wie es sich für "die stärkste Marke des Weltfußballs" (Geschäftsführer David Gill) gehört. Während Trainer Alex Ferguson mit seinem Team für ein Mini-Trainingslager in Katar weilte, flog Gill, 52, nach Hongkong und Singapur, nach London, Paris, Frankfurt und Zürich - und dann weiter in die USA.

Der Manager hatte eine Menge Bälle und Schals im Gepäck, doch diesmal ging es nicht um den Verkauf von Merchandising-Produkten, sondern um den Absatz von Schuldenpapieren. Uniteds Eigentümer, die Glazer-Familie aus Amerika, möchte mit einer neuen 550 Millionen-Euro-Anleihe (engl.: bond) einen Großteil der Verbindlichkeiten (800 Millionen Euro) umstrukturieren.

Uniteds Präsentation vor Bankern und Fonds-Managern markiert die dritte und problematischste Stufe in der turbokapitalistischen Entwicklung des britischen Fußballs. Nach neuen Absatzmärkten und Investoren wird in der Premier League nun nach neuen Gläubigern gesucht, die den von der Finanzkrise überraschten Heuschrecken in der Chefetage aus der Patsche helfen müssen. Starke Nerven sind gefragt: United bietet knapp neun Prozent Zinsen auf das Papier an, das wegen des verhältnismäßig großen Risikos für Anleger offiziell als "junk bonds" (Ramschanleihe) gehandelt wird.

Befürchtungen der Fans bestätigt

Finanzexperten der Londoner City gehen davon aus, dass United die Platzierung des Bonds gelingt. Die Glazers könnten mit dem Geld einen Teil der hochverzinsten Schulden bei Hedge-Fonds zurückzahlen, zudem verspricht der Anleihe-Prospekt neue Investitionen in die Mannschaft: 85 Millionen Euro will man sich dafür von den Banken leihen.

An der Basis wurden diese Zahlen trotzdem mit Bestürzung aufgenommen, sie bestätigen die vor der feindlichen Übernahme 2005 geäußerten Befürchtungen der Fans. Die Glazers haben sich seit dem auf Pump finanzierten Kauf des Klubs 26 Millionen Euro selbst in Löhnen und Darlehen ausgezahlt. Obwohl der Verein seinen Umsatz in diesem Zeitraum von 237 Millionen Euro auf 312 Millionen Euro steigern konnte, verhinderte nur der Verkauf von Cristiano Ronaldo für 94 Millionen Euro im Sommer einen Rekord-Verlust von mehr als 30 Millionen Euro in der abgelaufenen Spielzeit.

46 Millionen Euro musste der Klub allein im vergangenen Jahr für die Schuldentilgung aufbringen. Nicht nur beim FC Bayern hatte man sich gewundert, dass United sich nach einer ersten Anfrage nicht mehr ernsthaft um Franck Ribéry bemühte. Der von Ferguson noch vor zehn Tagen ausdrücklich zurückgewiesene Verdacht, die Glazers würden die Gelder aus dem Ronaldo-Transfer zurückhalten, erweist sich nun als berechtigt: mit dem Deal wurden rechtzeitig vor der Ausgabe der Anleihe die Bilanzen geschönt

Keine neuen Stars im Old Trafford?

Auch andere Details deuten auf Zahlungsnöte hin. 40 Millionen Euro aus dem nächsten Trikotsponsorvertrag (der US-Rückversicherer Aon zahlt 90 Millionen für vier Jahre) verbuchte man vorab, zudem ist der Verkauf des Trainingsgeländes eine Option. Wo und wie der im operativen Geschäft profitabelste Klub der Welt nach drei Meisterschaften und zwei Champions League-Endspielen weiter wachsen will, ist zudem nicht klar: die Ticketpreise sind seit 2005 um 8,5 Prozent teurer geworden, bei Logen- und Businessplätzen vermeldete man soeben eine Unterbelegung von 16 Prozent.

"Jetzt hat man es Schwarz auf Weiß: Je länger die Glazers den Verein führen, desto mehr Schaden fügen sie ihm zu", sagt Duncan Drasdo, der Vorsitzende des Fanverbandes Supporters Trust. Noch halten Erfolge den Unmut der Anhänger im Zaum. United ist Zweiter der Tabelle, beim 3:0 gegen Burnley gab es am Samstag nur vereinzelt "Glazers raus"-Rufe. Große Angst macht den Fans jedoch, dass United offenbar die Mittel für den mittelfristig fälligen Umbruch der Mannschaft fehlen.

Der frühere Branchenkrösus kann hinter Chelsea und Manchester City nur noch die dritthöchsten Gehälter der Liga zahlen; beide Klubs werden von spendablen Milliardären geführt und sind schuldenfrei. "Wir haben Ronaldo und Tévez nicht ersetzt", klagt Drasdo, "Giggs, Scholes, Gary Neville und van der Sar stehen vor dem Karriereende. Es ist eine Bombe mit tickendem Zeitzünder."

Ferguson, 68, wird auch nicht ewig im Amt bleiben. "Unter einem neuen Trainer könnten Erfolge ausbleiben", warnt der Klub im Prospekt für den Bond. Der Schotte soll in tragender Funktion weiter für ManU arbeiten, das macht den Job für Nachfolger nicht attraktiver. Hält United das Niveau der Einnahmen, droht unmittelbar kein Kollaps, aber das Gefahrenpotential lässt sich nicht länger verheimlichen. "Sich viel Geld zu leihen", warnte sogar Geschäftsführer Gill ein Jahr vor der Übernahme, "ist für Fußballklubs der Weg in den Ruin."

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