Magnus Carlsen bei der Schach-WM So geheimnisvoll wie seine Spielweise

Carlsens Stil ist ungewöhnlich, nicht immer kompatibel mit der gängigen Lehrmeinung. Vor einem WM-Duell bereiten sich die Konkurrenten in der Regel wochenlang mit Trainingspartnern und Betreuern auf den Gegner vor. Diese analysieren Gewohnheiten, Stärken, Schwächen des Kontrahenten, wie eine Sondereinheit bei einem Kriminalfall. Nur: Wie soll man jemanden überlisten, der in gewöhnlichen Spielmomenten meist das Ungewöhnliche tut?

Carlsen fasziniert. Im April setzte ihn das Time Magazin auf die Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten, in der Kategorie "Titanen", in einer Reihe mit Pop-Titan Jay-Z und Facebook-Titan Sheryl Sandberg. Die Begründung des ehemaligen Weltmeister Gary Kasparov: "Er bewahrt dem Schach seinen geheimnisvollen Nimbus."

Carlsen sieht gut aus, er wirbt für Jeansmarken, auf den Postern schaut er grimmig, abweisend. "Aus irgendeinem Grund soll ich immer ernst aussehen", hat Carlsen in einem Interview gesagt. Der grimmige, kühle Carlsen, das ist ein Image, ein Produkt der Sport- und Unterhaltungsindustrie. Der Mensch Carlsen redet nicht über sein Privatleben, er ist so geheimnisvoll wie seine Spielweise.

Glaubt man den Prognosen, wird dieser Magnus Carlsen demnächst Weltmeister und um 1,85 Millionen Euro Preisgeld reicher sein. Eine Simulation von 40.000 Partien prophezeit ihm mit etwa 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit den Titel. Die Weltrangliste führt Titelverteidiger Anand nur auf Rang acht. Aber die Weltrangliste ist wertlos, wenn am Samstag um 10.30 Uhr das Turnier eröffnet wird. Zwölf Partien stehen auf dem Plan. Für einen Sieg gibt es einen, für ein Unentschieden einen halben Punkt, wer als Erster 6,5 Punkte sammelt, ist Weltmeister.

Das kann dauern, im längsten Fall bis zu zweieinhalb Wochen. Anand ist mit dem Modus vertraut, Carlsen nicht. Anand sagte dem Spiegel vor kurzem: "Wenn du verlierst, meinst du, du selbst wirst auseinandergerissen, nicht deine Figuren. Weil dich derselbe Kerl immer wieder und wieder angreift. Du bist so auf ihn fokussiert, dass du die Attacken viel persönlicher nimmst."

Carlsen gibt sich derweil so aufgeregt wie immer: gar nicht. "Ich halte mich für den Favoriten", sagt er nüchtern. Und Anand, glaubt Carlsen, "der wird nicht einfach zu Boden gehen." Das klingt wie: Es wird nicht einfach. Aber am Ende werde ich gewinnen.