Leichtathletik-WM "Hol dir das Ding heute, du hast es so drauf!"

Speerwerfer Johannes Vetter nach seinem Sieg bei der Leichtathletik-WM in London.

(Foto: dpa)
  • Speerwerfer Johannes Vetter gewinnt die erste Goldmedaille für Deutschland bei der Leichtathletik-WM in London.
  • Schon im ersten Versuch gelingt ihm der Goldwurf. Beim letzten Versuch fließen bereits Freudentränen.
  • Der Wettkampf zeigt, wie eng die Spitze im internationalen Speerwerfen beieinanderliegt.
Von Saskia Aleythe, London

Johannes Vetter hat sich in der Szene längst ein Markenzeichen geschaffen, er ist der Mann mit dem Bauchplatscher. Wenn sein Speer durch die Luft fliegt, macht Vetter eine Welle wie beim Breakdance, kommt mit der Brust auf dem Boden auf, die Schwingung geht weiter in die Beine und dann steht er schon wieder. Die Landung gehört zu seinem Wurf dazu, die Energie muss ja irgendwo hin. Am Samstagabend im Olympiastadion von London landete Vetter fünf Mal und blieb dann nach seinem letzten Versuch stehen. Die Tränen hatte er sich da schon aus dem Gesicht gewischt.

Es gab noch nicht so viele Athleten bis zum Samstag, die mit der deutschen Fahne durchs Stadion kreiseln konnten, lediglich Siebenkämpferin Caroline Schäfer hatte zuvor Silber gewonnen bei dieser Leichtathletik-WM in London. Dann kamen gleich vier Medaillen dazu und mit Vetter auch der erste Weltmeister: Der 24-Jährige wuchtete seinen Speer gleich im ersten Versuch auf 89,89 Meter, die Tschechen Jakub Vadlejch (89,73) und Petr Frydrych (88,32) gewannen Silber und Bronze.

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"Gold, das ist hammermäßig", sagte Vetter, Olympiasieger Thomas Röhler landete auf Rang vier. Noch auf der Anlaufbahn sank Vetter zu Boden, weinte, eilte dann zu seinem Trainer Boris Obergföll, umarmte ihn lange, weinte wieder. Um später, gefasster, zu erklären: "Boris und ich, wir haben uns einfach gefunden."

Boris und Christina Obergföll, das Speerwerfer-Ehepaar aus Offenburg sind seit drei Jahren Vetters neue Heimat. Wegen Unstimmigkeiten mit seinem Verein in Dresden entschied er sich damals für einen Ortswechsel. Vor dem WM-Finale nun in London hatte ihm Christina Obergföll, selbst 2013 Weltmeisterin in Moskau, eine SMS geschrieben. Die Botschaft: "Hol dir das Ding heute, du hast es so drauf! Du hast es dir verdient."

Der Mann der ersten Versuche

Schon in der Qualifikation fürs Finale hatte Vetter "einen rausgeballert", wie er das nennt, er macht das gerne sofort, er ist ein Mann der ersten Versuche. Das Gerät segelte auf 91,20 Meter, es war die größte jemals in einer WM-Qualifikation erzielte Weite. "Da war ja eigentlich für jeden klar, wer hier Gold holt", sagte Vetter. Man konnte seinen Satz auch so verstehen: Da war für jeden klar, dass er Thomas Röhler mittlerweile regelmäßig schlagen kann. Er war ja ohnehin als Weltjahresbester angereist, hatte beim Meeting in Luzern Anfang Juli 94,44 Meter weit geworfen, das war Deutscher Rekord. Nur Weltrekordler Jan Zelezny schaffte mit dem neuen Speer 1996 jemals eine größere Weite.

Vetter ballerte in London nun also auch im Finale los. "Da waren ein paar technische Probleme, ohne die es auch auf 92 Meter hätte gehen können", meinte er, was am Ende ziemlich egal war. Er führte nach dem ersten Durchgang, er führte nach dem zweiten, Röhler kam zwar auch schnell über 88 Meter, aber im Kampf um die Medaillen sind die Abstände gering. "Es war ein abartiger Wettkampf", sagte Vetter und meinte damit die Leistungsdichte im Feld.