Leichtathletik "Dinge, die man besser privat regelt"

Lange eng miteinander verbunden: Sebastian Coe, der aktuelle Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, und sein Vorgänger Lamine Diack (rechts).

(Foto: Alastair Grant/AP)

Will Adidas nicht mehr? Der Sportartikel-Konzern erwägt einen Ausstieg aus den Verträgen mit dem Weltleichtathletik-Verband.

Von Thomas Kistner und Uwe Ritzer

Sebastian Coe war in seiner Karriere schon oft mittendrin in den Untiefen der Sportpolitik. Dem inzwischen gesperrten Fifa-Chef Sepp Blatter diente Coe einst als erster Vorzeigechef für dessen handverlesenes Ethikkomitee. Auch darf man annehmen, dass die Hinterzimmer-Deals, die bei olympischen Städteküren üblich sind, nicht völlig an dem englischen Lord vorübergegangen sind.

Immerhin war er es ja, der die Sommerspiele 2012 gegen stärkste Konkurrenz aus Paris, Moskau und New York nach London holte. Aber fragt man Coe, hat er nie etwas mitbekommen von den Schmutzgeschäften der Branche. Und am wenigsten mitbekommen hat er in den vielen Jahren in den Spitzengremien des Leichtathletik-Weltverbands IAAF - deren Präsident er heute ist.

Sponsoren werden nervös, Adidas prüft den Vertrag

Das amtliche Totalversagen eines Sportverbandes

Der Wada-Report zeigt: Der Weltleichtathletik-Verband hat den Kampf gegen Doping und Korruption nie richtig geführt. Trotzdem soll Sebastian Coe Präsident bleiben. Von Thomas Kistner mehr ...

Kann das sein? Soeben attestierte eine Prüfkommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada dem IAAF-Council, dem Coe seit 2007 als Vizepräsident angehört, es könne "nicht unwissend gewesen sein über das Ausmaß des Dopings und der Regelverletzung" in der russischen Leichtathletik - ebenso wenig wie "über das Ausmaß der Vetternwirtschaft" an der IAAF-Spitze. Die hatte Doping jahrelang gedeckt und war sogar in Bestechungszahlungen in Millionenhöhe verwickelt. In Paris ermittelt die Staatsanwaltschaft, Coes Amtsvorgänger Lamine Diack darf das Land nicht verlassen. Interpol jagt Diacks Sohn, der jahrelang das Marketinggeschäft der IAAF betreute. Die Mitwisserschaft der Funktionäre ist also klar ausformuliert. Nur Coe will der olympische Sport ein notorisches Nichtwissen bescheinigen; samt der Kompetenz, den jahrelang mitverwalteten Augias-Stall auszumisten.

Wie riskant dieses Spiel des alten Kameradschaftssystems ist, dem Coe angehört, zeigen jüngste Vorgänge. Sponsoren werden nervös, Werbepartner Adidas prüft den Vertrag. Zum anderen liegen neue Fragen zu Coe selbst auf dem Tisch.

Die Agentur AP hat auf Basis des Informationsfreiheits-Gesetzes Mails erhalten, die zeigen, wie Coe die Hilfe der britischen Diplomatie in Anspruch nahm, als er im IAAF-Thronbewerb den Widersacher Sergei Bubka (Ukraine) ausstach. Im Sommer 2015 gewann Coe mit 115:92 Voten. Zuvor waren die britischen Botschaften gebeten worden, pro Coe auf IAAF-Mitglieder einzuwirken. In einem Telegramm von Außenminister Philip Hammond am 21. Mai 2015 heißt es: "Wir bitten alle Stellen, für Lord Coe zu werben." Dies sei "eine wichtige Berufung für das Vereinigte Königreich, und er hat die persönliche Unterstützung des Premierministers".