Handball-EM Fünf Gründe, warum die Handballer plötzlich so gut sind

Herr der Siebenmeter: Tobias Reichmann

(Foto: Getty Images)

Vor der Europameisterschaft sind fast alle Stammspieler verletzt ausgefallen, trotzdem spielt Deutschland nun ums Finale. Wie kann das sein?

Von Saskia Aleythe

Achtung, es folgt ein kleines Gedankenspiel: Stellen Sie sich vor, bis zur Fußball-EM im Juni würden sich nach Jérôme Boateng noch sieben weitere Spieler der ersten Elf von Joachim Löw verletzten. Götze? Bleibt zu Hause. Müller? Bleibt zu Hause. Hummels? Bleibt auch zu Hause. Na, Schnappatmung? Genau das ist Dagur Sigurðsson passiert: Fast die gesamte erste Mannschaft ist dem Handball-Bundestrainer weggebrochen - und dennoch steht er mit seiner Truppe nun im Halbfinale der EM.

Olympia 2012 hatten die Handballer verpasst, die EM 2014 auch, an der WM 2015 nahm man nur dank einer umstrittenen Wildcard teil. Und nun plötzlich das erste Halbfinale bei einer EM seit acht Jahren, ohne die erfahrensten Spieler. Wie geht denn das? Fünf Gründe, warum die deutschen Handballer auch ohne ihre Stammkräfte im Halbfinale stehen:

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1. Gut durch die Bundesliga

Erbitterte Kämpfe hat sich Heiner Brand, der Schnauzbart der Nation und Bundestrainer bis 2011, einst mit der Bundesliga geliefert - heute wäre er wohl ganz selig gestimmt. Die Situation war ja lange so: Deutsche Handballer waren zwar in deutschen Klubs angestellt, durften dort aber kaum spielen. Weil die Vereine aus Kiel, Flensburg oder Mannheim mehr an den weltbesten Handballern aus Dänemark, Island, Spanien oder Polen interessiert waren. Sie konnten sie sich leisten.

Das hat sich mittlerweile geändert. Klubs wie Paris, Barcelona, Kielce oder Veszprem haben nun Geld, jede Menge sogar, dementsprechend spielen die weltbesten Handballer nun dort und nicht mehr in der Bundesliga. Was wiederum mehr Einsatzzeiten für den deutschen Nachwuchs in der heimischen Liga ermöglicht. So wird auch das Leistungsgefälle zwischen den Stammkräften und der Auswechselbank im Nationaltrikot kleiner. Die jungen Handballer, die gerade die EM in Polen rocken, haben in der Liga mehr zu melden als es Nachwuchskräfte bei früheren Turnieren hatten. Der nachnominierte Kai Häfner etwa führt die Feldtorschützenliste der Liga an - weil er im Alltag auch spielen darf.

2. Viele neue Rückraum-Talente

Natürlich wird niemand Überflieger bei einer EM, nur weil er viel spielt und trainiert. Die Basis ist das Talent. Im deutschen Tor gab es das schon immer, auf den Außenpositionen auch - doch der deutsche Rückraum erlebt gerade ein richtiges Revival. Steffen Weinhold hat sich auf ein ganz hohes Niveau hochgearbeitet, mit Fabian Wiede, Steffen Fäth, Christian Dissinger und Paul Drux verfügt das DHB-Team aber mittlerweile über vier neue Hochbegabte auf dieser Position - so luxuriös war die Situation in Deutschland vielleicht noch nie.

Nach dem Ausfall von Drux vor dem Turnier und Weinhold und Dissinger nach der Russland-Partie machten einfach Wiede und Fäth die überragenden Tore aus dem Rückraum im Spiel gegen Dänemark. Rückraum-Tore gelten als einfache Tore, weil der Spieler seinen Gegner nur überspringen muss, der Wurf aus der Distanz ist aber auch besonders anfällig für Ungenauigkeiten.

Die sich die Deutschen nur selten leisteten - auch das macht ein Rückraum-Talent aus.

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3. Viele spielen ihr erstes Turnier/Es fehlt der Star

Ja, das kann tatsächlich ein Vorteil sein. Und zwar ein psychologischer: Wenn sich nicht alles an einem Überspieler orientiert, ist die Mannschaft gefragt. Keiner der Spieler steht besonders im Fokus, jeder kann durch starke Leistungen zum Matchwinner werden - das motiviert. Und hat sich im Turnierverlauf auch deutlich gezeigt, in jedem Spiel präsentierten sich andere von ihrer Schokoladenseite.

Mittlerweile stehen elf Männer im Kader, die ihr erstes großes Turnier mit der A-Nationalmannschaft absolvieren. Eine Gemeinsamkeit, die zusammenschweißt. Wer sich als Neuling gegenüber Routiniers beweisen kann, hat weniger Druck. Und das ist vielleicht der größte Vorteil des Teams: Es muss keine Erwartungen erfüllen. Nervöse Aktionen waren extrem selten, technische Fehler gab es so gut wie keine. Und wenn mal zwei Würfe das Tor verfehlen? Egal, der dritte geht rein.

4. Schwer auszurechnen für den Gegner

Gut möglich, dass so mancher Nationaltrainer der Gegner mal diesen Steffen Fäth gegoogelt hat, aber sonderlich vertraut ist die Konkurrenz nicht mit dem jungen deutschen Team. Das stellt den Gegner vor erhebliche Probleme. Mit einer offensiven Deckung lässt sich leicht der Star aus dem Spiel nehmen, gerne auch zwei - aber wen deckt man da bei Deutschland? An die No-Name-Mannschaft müssen sich auch Russland, Dänemark und Norwegen erst gewöhnen. Wobei sie selbst dann noch vor einem Problem stehen - denn wer gerade der Mann des Spiels wird, ist ja höchst variabel.

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5. Sigurðssons Auftreten

Er ist der Pep Guardiola des Handballs, zumindest taktisch: Der Godfather of Handballtrainer. Dagur Sigurðsson kennt seine junge Truppe und er stellt sie immer wieder so ein, dass daraus eine starke Mannschaft wird. Taktisch flexibel und immer mit der Gelassenheit, als würde er sein Team nur durch ein Saison-Vorbereitungsturnier in Dessau-Roßlau coachen.

Vor allem aber: Sigurðsson hat der Mannschaft immer das Gefühl gegeben, dass sie auch mit der dezimierten Besetzung funktionieren kann. Keine Beschwerde über Ausfälle, kein Selbstmitleid, kein Hadern. Stattdessen: Jede Menge Vertrauen in die Fähigkeiten. Ein Traum für jeden Nachwuchsspieler.