Fußball-WM Die WM wird ein ganz anderes Turnier

Hat sein Projekt der WM-Aufstockung zügig ins Ziel gebracht: Fifa-Präsident Gianni Infantino.

(Foto: REUTERS)

16 Gruppen mit drei Teams? Der neue Modus senkt das Niveau der WM. Und erhöht die Gefahr, dass manipuliert wird.

Kommentar von Johannes Aumüller

Vielleicht sollten Joachim Löw und die anderen Kritiker der WM-Aufstockung jetzt einfach mal zufrieden sein. 48 Mannschaften, was soll's - angesichts der vielen anderen Möglichkeiten, auf die der Fußball-Weltverband bei längerem Sinnieren noch hätte kommen können. 64 Teams wären doch auch drin gewesen, oder noch ein paar mehr. Und wäre es nicht möglich, eine Fußball-WM nach dem gleichen Modus auszurichten wie den DFB-Pokal oder Grand-Slam-Turniere im Tennis? Gar keine Vorrundengruppen mehr, sondern ein sofortiges K.-o.-System für 128 Starter?

48 Mannschaften sollen also von 2026 an die WM bestreiten, aufgeteilt zunächst in 16 Dreiergruppen. Der Hintergrund dieser Entscheidung ist so einfach wie traditionell: Es geht um mehr Geld für die Fifa und um mehr Macht für ihren Boss Gianni Infantino, weil der jetzt unter den kleinen und den mittelgroßen Nationen mehr WM-Startplätze verteilen kann. Dass der sportliche Wettbewerb bei solchen sportpolitischen Fragen eher wenig zählt, ist keine neue Erkenntnis. Rekordverdächtig ist jedoch, wie wenig ihn die Fifa diesmal bedacht hat. Zwar ist manches Detail des neuen Modus noch offen. Klar ist aber, dass er erhebliche Konsequenzen hat, die WM wird ein anderes Turnier sein als bisher.

Das beginnt mit dem, was Bundestrainer Löw und andere zu Recht als "Verwässerung der Qualität" anmahnen. Schon bei der EM im Sommer, als erstmals nicht nur 16, sondern 24 Teams dabei waren, zeigten sich die Folgen eines unnötig aufgestockten Feldes. Viel Langeweile und viel Mittelmaß war dabei. Und nein, die Isländer, die in Frankreich so verblüfften, taugen nicht als Gegenargument, denn sie waren in der Qualifikation so stark, dass sie auch im alten EM-Format dabei gewesen wären. Abgesehen davon garantieren Europas 24 beste Nationalteams noch ein höheres Niveau als das künftige 48er-WM-Feld, in dem Afrika wohl mindestens neun und selbst Ozeanien einen Fix-Starter erhält.

Die nächste Aufstockung kommt bestimmt

Aber nicht nur wegen der Qualität der Spiele ändert sich etwas. Es macht auch einen Unterschied, ob eine Mannschaft, wie bisher bei der WM, im Kampf um die ersten beiden Gruppenplätze drei mehr oder weniger anstrengende Spiele bestreiten muss. Oder ob sie künftig in einer Dreiergruppe nur eine Partie gegen einen halbwegs starken Gegner hat und danach mit einem Kaltstart ins Sechzehntel-Finale muss.

Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Teams am Ende der Gruppenphase punkt- und torgleich sind - und vor allem die Gefahr, dass es am letzten Spieltag zu Manipulationen kommt. Dagegen würde es im Übrigen auch wenig helfen, bei Unentschieden in der Gruppenphase noch ein Elfmeterschießen dranzuhängen, wie es die Fifa nun erwägt. Die Möglichkeit der Mauschelei im letzten Gruppenspiel, wenn eine der drei Mannschaften zuschauen muss und die beiden anderen mit einem bestimmten Ergebnis zufrieden sein können, bleibt.

Aber was sind ein reduziertes Niveau und ein erhöhtes Manipulationsrisiko - gegen die Möglichkeit, jetzt 48 Ländern eine Teilnahme zu ermöglichen? 64 beziehungsweise 128 Teilnehmer dürften daher spätestens mit dem nächsten Fifa-Präsidenten kommen. Falls der Fußball bis dahin nicht erkennen muss, dass er den Verkauf seines Produktes überreizt - und sich die Fans anderen Ereignissen zuwenden. Und in ihrem Gefolge auch Fernsehen und Sponsoren.

Spielt mal schön

In Zürich feiert die Fifa die Weltfußballer des Jahres - und vor allem sich selbst. Über das, was falsch gelaufen ist, schweigt man eher. Und 48 WM-Mannschaften? Finden plötzlich alle toll. Über die Könige eines verkommenen Gewerbes. Von Holger Gertz mehr...