Fußball-Sammelklage in den USA Eltern gegen Kopfbälle

Gesundheitsrisiko Kopfball? Eltern in den USA sehen das so.

(Foto: dpa)

Eine Initiative in den USA verklagt die Fifa und fordert eine Limitierung der Kopfbälle. Zu viele davon sollen vor allem bei Kindern Veränderungen des Gehirns auslösen. Die Sammelklage ist nicht zu unterschätzen.

Ein Kommentar von Thomas Kistner

Heimlich, mit unheimlichem Tempo schiebt sich ein neues Problemthema in den Fußball. Eines, das bis zur WM in Brasilien de facto gar nicht existiert hat. Nicht in der öffentlichen Wahrnehmung der größten und mächtigsten Sportart des Planeten, die sich als moderne, machismo-orientierte und oft auch gern martialische Superheldenshow inszeniert.

Es geht, vermeintlich profan, um Gesundheitsrisiken, die über das ausgeprägte Kopfballspiel bis hin zu den im Fußball allfälligen Gehirnerschütterungen ausgelöst werden. Tatsächlich ist dies ja der einzige Sport, der den ungeschützten Kopf-Kontakt im regulären Standardrepertoire führt; und damit auch den ungebremsten Zusammenprall. Mittlerweile begründen getackerte Kopf- und Gesichtsverletzungen sogar einen besonderen Heldenstatus.

Erstmals in den Fokus gerückt ist das Thema bei der WM, die - einmal mehr ein offener Widerspruch zur Analyse der Medizinkommission des Weltverbandes Fifa - ja im kollektiven Gedächtnis als teilweise brutales Kampfsport-Turnier haften blieb, von Suarez' Schulterbiss über Neymars Wirbelbruch bis zu Christoph Kramers Orientierungsläufen im Finale nach einer Gehirnerschütterung, die übrigens just das ZDF-Sportstudio noch einmal launig nachbereitet hat.

Doch wegwitzeln lässt sich das Problem nicht mehr, und bei der Fifa ist es voll angekommen. Im August hat eine Elterninitiative in den USA den Weltverband und amerikanische Sportverbände verklagt, weil diese "nachlässig und fahrlässig" mit dem Schutz junger Spieler umgingen.

Sie stützen sich dabei auf fundierte Studien, die belegen, dass intensives Kopfballspiel Veränderungen in der Gehirnstruktur auslösen kann, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Betroffen sind aber auch Erwachsene. Ein Amateurkicker absolviert im Schnitt ja 500 Kopfbälle pro Jahr, wobei die 400 Gramm schwere Spielkugel nicht selten in hohem Tempo angerauscht kommt.

Die Sammelkläger in Amerika sollten nicht unterschätzt werden. Das haben schon mächtige US-Sportarten wie Football und Eishockey erlebt. Und auch die Fifa hat das schon mitgekriegt, nach der WM trafen ihre Ärzte die Kollegen aus den rauen US-Sparten zum Themengipfel in New York. Erster Ertrag: Die Fifa führt nun eine Drei-Minuten-Pause zur Behandlung von Kopfverletzungen ein.

Aber darum geht es den Klägern nicht, sie wollen Blessuren verhindern. Daher fordern sie neben wissenschaftlicher Risikoanalyse Regeln, die die Anzahl der Kopfbälle für Minderjährige limitieren. Und zudem Regeln, die das Wechselkontingent verändern, damit Verletzte sofort ausgetauscht und intensiv untersucht werden können.

Beide Forderungen würden das Spiel weitestreichend verändern. Abgesehen von der Frage, wie sich das Kopfballspiel überhaupt limitieren ließe - Auswechslung nach zehn Kopfkontakten? - es würde sich massiv auf die Spielkultur auswirken, auch im Erwachsenenbereich. Und neue Wechselregeln würden naturgemäß zu taktischem Missbrauch führen.

60 Tage Zeit erhielt der Weltverband, auf die Sammelklage zu reagieren, die in den USA akzeptiert wurde, wo die Fifa global operiert und mit dem US-Verband verlinkt ist. Bei einem entsprechenden Urteil droht, zunächst in Amerika, die ganze Basis wegbrechen. Fußball ist hier zuvorderst College-Sport; ein Kinderspiel. Es sieht nach einem Dilemma aus.