Fußball in Spanien Am Rande des Ruins

Professor José María Gay untersucht seit Jahren die finanzielle Lage der spanischen Fußballklubs. Ergebnis: Mehrere Klubs sind technisch bankrott.

Von Interview: Javier Cáceres

José María Gay, 56, ist Professor für Finanzwirtschaft und Buchhaltung in Barcelona. Der frühere Berater des Erstligisten RCD Espanyol Barcelona untersucht seit Jahren die finanzielle Lage der spanischen Fußballklubs. Zuletzt veröffentlichte er eine Studie zur Saison 2007/2008. Sein Fazit: Mehrere Klubs sind technisch bankrott, die Schulden allein der 20 Erstligaklubs liegen bei 3,5 Milliarden Euro.

SZ: Wie konnte es so weit kommen?

Gay: Das ist eine einfache Rechnung. Die Klubs haben in der Vergangenheit enorm hohe Investitionen getätigt, in erster Linie für neue Spieler. Wenn schon eine Investition zu einem normalen Preis zu Verschuldung führt, ist das umso mehr der Fall, wenn man einen sehr hohen Preis zahlt. Dazu kommt, dass die meisten Klubs mit Verlusten gearbeitet haben. Nimmt man Real Madrid und den FC Barcelona aus, so liegen die Einnahmen aus TV-Übertragungsrechten, Mitgliedsbeiträgen, Marketing und Eintrittskarten fast aller Klubs niedriger als die Ausgaben. Die Klubs glichen das durch außerordentliche Ergebnisse aus, sei es durch Befreiungsschläge am Immobilienmarkt, oder durch Spielerverkäufe. Aber die Zeit, da man so etwas machen konnte, ist vorbei. Der Immobilienmarkt macht in Spanien eine Anpassung durch, und astronomische Preise für Fußballer zahlt nur noch ein Klub: Real Madrid.

SZ: Kennt Spaniens Fußball keine Kontrollmechanismen?

Gay: Nein. Das heißt: Theoretisch schon. Der Dachverband der Profiklubs, die LFP, hat natürlich eine Finanz-Kontrollkommission. Aber sie funktioniert nicht. Ich glaube, der Präsident ist vor ein paar Monaten zurückgetreten, keine Ahnung, ob es einen neuen Präsidenten gibt. Staatlicherseits gibt es den CSD, den Obersten Sportrat. Aber der tut auch nichts. Vermutlich denkt der CSD, dass die LFP alles erledigt.

SZ: Sie behaupten, Spaniens Fußball droht der Ruin.

Gay: Das Problem ist, dass den Schulden nur geringe Eigenmittel der Klubs gegenüberstehen. Spaniens Erstligaklubs weisen ein Nettovermögen von nur 352Millionen Euro aus. Davon verbucht Real Madrid die Hälfte, 176 Millionen. Die anderen 19 Klubs der ersten Liga teilen sich den Rest. Archetypisch für Spaniens Fußball ist der FC Valencia.

SZ: Inwiefern?

Gay: Man ging einen Stadionneubau an und legte sich eine Ausgabenstruktur zu, die Champions-League-Niveau hat. Ein paar Jahre lang hat Valencia dort ja auch mitgespielt, war im Achtelfinale, im Viertelfinale, 2001 sogar im Finale. Jetzt haben sie sich bloß für die neue Uefa-Europaliga qualifiziert, die weit weniger lukrativ ist. Und sobald es ein paar solcher Schicksalsschläge gibt, trägt das alles nicht mehr. Spiegelbildlich für den Rest der Liga ist das deshalb, weil alle Klubs glauben, das kommende Jahr werde das große Jahr sein. Doch dann rollt die Kugel eben nicht so, wie sie soll.

SZ: In Spaniens Fußball sind die Bau- und Immobilienmogule, also die Herren der Spekulationsblasen, überrepräsentiert. Hat deren Businessphilosophie auf den Fußball abgefärbt?

Gay: Absolut. Der Fußball ist das lebendige Abbild der spanischen Wirtschaftslage. Die letzten Jahre waren von freudigen, üppigen Ausgaben gekennzeichnet, anstatt langfristig zu planen.

SZ: Die Personalkosten des früheren Erstligisten Levante beliefen sich 2007 sogar auf 280 Prozent der Einnahmen. Jedenfalls auf dem Papier. Ein Einzelfall?

Gay: Was eine derart närrische Zahl betrifft, ja. Aber es gibt sehr viele Klubs, deren Personalkosten die Einnahmen übersteigen. Die großen Ausnahmen sind Real Madrid und der FC Barcelona.

SZ: Inwiefern?

Gay: Real Madrid hat die gesündeste Ausgangslage des spanischen Fußballs. Was nicht heißt, dass sie schuldenfrei wären. Der letzte Geschäftsbericht wies zum 30.6.2008 eine Bilanzsumme von 739 Millionen aus, bei einem Nettovermögen von 176 Millionen. Die Schulden beliefen sich also auf 563 Millionen Euro.

SZ: Nun sollen 300 Millionen Euro allein für Ablösesummen ausgegeben werden. Welche Folgen wird das haben?

Gay: Real Madrid läuft Gefahr, in eine Lage zu geraten, die von hohen Schulden gekennzeichnet ist. Das Geld haben sie ja nicht cash in der Kasse.

SZ: Die Sparkasse Cajamadrid hat bestätigt, Real einen Kredit über 76 Millionen Euro gewährt zu haben.

Gay: Zudem hat die Santander-Bank schon im Februar einen Kredit bereitgestellt, um die Ablöse von Cristiano Ronaldo zu finanzieren. Offenbar hat sich auch die Sparkasse La Caixa engagiert.

SZ: Ausgerechnet La Caixa, die in Barcelona sitzt?

Gay: Ja, anscheinend. Die Barça-Fans - ich bin das nicht - haben das als einen Tritt empfunden. Einige sind so sauer, dass sie sogar ihr Geld aus der Caixa abziehen wollen. Ich vermute, die Caixa will sich in ganz Spanien positionieren. Sie finanzieren die spanische Nationalelf; sie haben sich auch beim FC Barcelona engagiert und die Schulden von Espanyol Barcelona refinanziert... Klar ist, dass Real versucht, seine Darlehen auf mehrere Banken zu verteilen. Umgekehrt versucht auch das Bankenwesen, das Risiko zu diversifizieren.