Fifa-Präsident Blatter hätte das Bundesverdienstkreuz eigentlich nicht bekommen dürfen

Joseph Blatter auf einer Pressekonferenz im August

(Foto: dpa)
  • Sepp Blatter, der derzeit gesperrte Präsident des Fußball-Weltverbands Fifa, hat sein Bundesverdienstkreuz am Ende der WM 2006 unter fragwürdigen Umständen bekommen.
  • Denn Blatter hatte darauf gedrängt, das Kreuz zu erhalten - das widerspricht den ordensrechtlichen Vorschriften.
Von Klaus Ott

Mit dem Friedensnobelpreis hat es nicht geklappt für Sepp Blatter. Der inzwischen suspendierte Chef des Fußball-Weltverbandes Fifa hätte diese Auszeichnung gerne entgegengenommen, er hätte sie aus seiner Sicht auch völlig verdient. Blatter betrachtet den Fußball ja als globale Friedensbewegung, sich selbst hat er schon mal mit dem Papst auf eine Stufe gestellt. Womöglich hat es mit dem Nobelpreis auch deshalb nicht funktioniert, weil der Vorschlag von der falschen Seite kam. Vom russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der immerhin meinte das ernst.

Da ist es schon besser, man bringt sich gleich selber ins Spiel. Auf diese Weise ist Blatter auch zu seinem Bundesverdienstkreuz gekommen. Das geht aus Akten des Bundeskanzleramtes in Berlin hervor. Erhalten hat der Fifa-Chef den Orden am Ende der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland; für das "gesellschaftspolitische Engagement" seines Verbandes und weil er sich für "Fair Play auch jenseits des Spielfeldes" einsetze.

Was bislang nicht bekannt war: Streng genommen hätte der seit vielen Jahren umstrittene Fifa-Präsident das Verdienstkreuz gar nicht bekommen dürfen. Blatter hat nämlich, so steht es in einem Vermerk des Kanzleramtes, vehement darauf gedrängt, den Orden zu bekommen. Der Fifa-Chef "erwartet", dass er diese Auszeichnung bekomme, notierte das Kanzleramt am 17. Mai 2005. Das lässt sich mit den Bestimmungen des Bundespräsidialamtes schwer in Einklang bringen. "Wer seine eigene Auszeichnung anregt, kann nach den ordensrechtlichen Vorschriften nicht mit einer Verleihung des Verdienstordens rechnen", heißt es da.

SZ-Grafik; Quelle: Vermerk Bundeskanzleramt

Blatter bestand auf der Auszeichnung

Blatter hat laut Aktenlage sogar noch weit mehr getan, als seine Auszeichnung nur anzuregen. Er hat regelrecht darauf bestanden. Anlass für dieses Begehren war der Umstand, dass Anfang 2005 der damalige Präsident der europäischen Fußball-Union Uefa, Lennart Johansson, mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik geehrt worden war. Johansson hatte sich für saubere Verhältnisse im Weltfußball eingesetzt, er war der größte Gegenspieler von Blatter, dessen Fifa bereits seinerzeit von steten Korruptionsvorwürfen umrankt war.

Ein Orden für Johansson, aber nicht für Blatter - das muss den Präsidenten geärgert haben. Als im Mai 2005 in Berlin ein Besuch von Urs Linsi anstand, dem Generalsekretär der Fifa, notierte das Sportreferat des Kanzleramtes, auf welche Themen man sich einstellen müsse.

Einer der voraussichtlichen Gesprächspunkte: "Verleihung eines Ordens an Herrn Blatter". Johansson habe einen hohen Orden bekommen, "Herr Blatter erwartet eine gleiche Auszeichnung der Bundesrepublik Deutschland", notierte das Kanzleramt und fügte hinzu, erste Kontakte zum Bundesinnenministerium solle es deshalb bereits geben. Als Linsi am 19. Mai 2005 zwecks Vorbereitung der WM 2006 im Kanzleramt vorsprach, kam er tatsächlich auf Blatters Ordensbedürfnis zu sprechen. In einem Vermerk des Kanzleramtes über das Treffen steht: "Orden der Bundesrepublik Deutschland für den Fifa-Präsidenten: Hinweis von Herrn Linsi". Und weiter: Das Kanzleramt habe zugesagt, "dass eine entsprechende Initiative von der Bundesregierung ausgehen würde".

"Unser ganzes Land verdankt Joseph Blatter sehr viel."

Vier Monate später, am 20. September 2005, schlug Bundesinnenminister Otto Schily in einem Schreiben an Bundespräsident Horst Köhler vor, Fifa-Chef Blatter für dessen Verdienste um den Fußball das "Bundesverdienstkreuz einer gehobenen Stufe" zukommen zu lassen. Schily lobte Blatter für dessen "Entwicklungshilfe" in ärmeren Staaten, für angebliche Reformen in der Fifa und für vieles andere, einschließlich seines Engagements für die WM in Deutschland. "Unser ganzes Land verdankt Joseph Blatter sehr viel." Blatters Verdienste um die Weltmeisterschaft hatten indes vor allem darin bestanden, für die Geschäfte der Fifa beim deutschen Fiskus eine weitgehende Steuerbefreiung zu erwirken. Das hat der Fifa, die von der WM ohnehin kräftig profitierte, wohl viele Millionen Euro zusätzlich gebracht.

Dass Blatter das Bundesverdienstkreuz unbedingt haben wollte und über die Fifa vehement auf diesen Orden drängte, das hat das Bundespräsidialamt nach eigenen Angaben erst in der vergangenen Woche durch eine Anfrage der Süddeutschen Zeitung erfahren. "Von einer möglichen Selbstanregung war dem Bundespräsidialamt bisher nichts bekannt", erklärte das Amt. Solch eine Selbstanregung verhindere aber "nicht in jedem Fall eine Verleihung" und stelle insbesondere keinen Grund dar, einen Orden nachträglich zu entziehen. Um jemandem eine Auszeichnung abzuerkennen, müsse in der Regel eine rechtskräftige Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe vorliegen, insbesondere wegen einer "entehrenden Straftat".

Gegen Blatter wird in der Schweiz zwar ermittelt, aber das Ende des Verfahrens bleibt abzuwarten. Bis dahin gilt die Unschuldsvermutung, auch in Ordensfragen. Sein Bundesverdienstkreuz kann Blatter also erst einmal behalten, vielleicht auch für immer.