Toni Kroos beim EM-Aus Rochade mit fatalem Ergebnis

Joachim Löws taktische Finte, den Münchner Toni Kroos als Spaßbremse für das italienische Mittelfeld einzusetzen, ging nicht auf. Die Geschichte eines Jungen, der mit großen Hoffnungen in das Turnier gestartet ist und am Ende im Mittelfeldmeer mit allen anderen unterging.

Aus Warschau von Thomas Hummel

War das die Anti-Pirlo-Maßnahme? Mit Toni Kroos hat nun wirklich niemand gerechnet vor diesem Halbfinale der Europameisterschaft. Der 22-Jährige galt schon als Verlierer des Turniers, weil er so hoffnungsfroh in dieses hineingegangen war und dann so traurig auf der Ersatzbank herumsaß. Gut, da waren da und dort ein paar Minuten in der Vorrunde, doch in die Startelf schien der Weg verstellt zu sein.

Auf seiner Position spielten Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira, für Kroos schien nur die Rolle des Zuschauers übrig zu bleiben. Bis die Aufstellung im Warschauer Nationalstadion herumgereicht wurde: Da stand Toni Kroos unter den ersten Elf, zusammen mit Schweinsteiger und Khedira. Die Frage war nun: Wo genau auf dem Feld würde sich Kroos nun einreihen?

Assistenz-Trainer Hansi Flick lieferte die Idee hinter der Maßnahme nach: "Wir müssen das Mittelfeld in unsere Hand bringen. Wir erwarten von Kroos, dass er Zweikämpfe gewinnt und schnell nach vorne umschaltet." Die Idee hörte sich gut an, und Toni Kroos versuchte auch, das zu tun, was ihm aufgetragen worden war.

Mit Mesut Özil sollte er in der Zentrale das Herz der Italiener stören, Andrea Pirlo und seinen Kompagnon Daniele De Rossi. Er hechelte den beiden brav hinterher, schon vor der Mittellinie sollte er ihre langen, präzisen Pässe verhindern, sollte ihnen unangenehm aufstoßen, sollte den erfahrenen Weltmeistern von 2006 den Spaß am Spiel nehmen. Doch das Ergebnis war fatal für die deutsche Mannschaft: Es kam nämlich genau umgekehrt - es dauerte nicht lange, da verlor Kroos den Spaß am Spiel.

Der lässige Pirlo und der zornige De Rossi hatten überhaupt nicht vor, sich von diesen Deutschen, die gerade der Pubertät entsprungen waren, irgendwie beeinträchtigen zu lassen. Zweikämpfe? Her damit! Zur Not half Riccardo Montolivo mit einer beherzten Grätsche. In dieser Zentrale lag der Keim der italienischen Dominanz in der ersten Halbzeit. Obwohl in dieser Zentrale lauter Fußballer in weißen Trikots herumliefen, flog ein präziser Pass nach dem anderen in den italienischen Angriff.

Das deutsche Mittelfeld kam überhaupt nicht wie aufgetragen in die Zweikämpfe hinein. Und wenn Kroos einmal den Ball hatte, standen so viele Mitspieler um ihn herum, dass selbst dieser ball- und passsichere Mittelfeldspieler des FC Bayern keine Idee mehr hatte, wohin damit. Zweimal in der ersten Halbzeit kam er immerhin dazu, den Ball Richtung Italiens Tor zu schießen. Einmal flog Torwart Gianluigi Buffon durch die Luft, einmal flog nur der Ball gegen die Werbebande.

Dabei hatte sich Toni Kroos auf eine ganz andere Aufgabe bei dieser Europameisterschaft eingestellt. Zwei Jahre lang war er Teil des fröhlichen deutschen Fußballtheaters, wirkte als Konstante im deutschen Mittelfeld. Mit ihm gewann die Mannschaft gegen die Niederlande 3:0, mit ihm führte sie Brasilien beim 3:2 teilweise vor. Bundestrainer Joachim Löw zeigte sich derart angetan von Toni Kroos, dass er sogar eine neue Position für ihn einführte: den Zwischenspieler, der das Bindeglied zwischen Abwehr und Angriff geben soll.

Doch dann musste Kroos erkennen, dass die schönen zwei Jahre auch eine Illusion in sich trugen: Bei all diesen Spielen meldeten sich entweder Schweinsteiger oder Khedira verletzt ab. Bei der EM verlor Kroos seinen Platz, war frustriert und beschwerte sich sogar leicht. Und nun sollte er im Halbfinale die neueste taktische Finte des Bundestrainers sein.

Bundestrainer Löw beendete die Finte in der Halbzeit. Er nahm zwar Kroos nicht vom Platz, schickte ihn aber nach links vorne, wo er einmal bei Bayer Leverkusen ein tolles Jahr erlebte. Doch Toni Kroos wirkte auch dort seltsam gehemmt, als wäre der Sprung vom wochenlangen Trainingspartner zu einem EM-Halbfinale einfach zu groß. Toni Kroos schlich am Ende fast antriebslos über den Rasen, als wäre er schon am Ende seiner Kräfte. Er ging in dieser konfusen deutschen Nationalmannschaft einfach mit unter.

Desorientiert, aber gut frisiert

mehr...