Eisschnellläuferin Claudia Pechstein Neun Minuten, die den Sport verändern könnten

Claudia Pechstein bei den Olympischen Spielen

Ein Prozess mit zwei Verlierern: Das Münchner Landgericht weist Claudia Pechsteins Klage gegen die Eisschnelllauf-Verbände ab - doch als Sieger fühlen sich auch ISU und DESG nicht. Denn ein Aspekt in der Urteilsbegründung könnte die Sportwelt noch schwer erschüttern.

Von René Hofmann

Im Sitzungssaal 219 des Landgerichts München I hängt ein großes Ölgemälde hinter dem Richterstuhl. Es zeigt König Maximilian II. von Bayern. Es ist ein recht altes Gemälde des Regenten, der von 1811 bis 1864 lebte. In seiner Zeit als Gerichtsschmuck dürfte der alte König schon so Einiges zu hören bekommen haben.

An diesem Mittwochmorgen aber bot er die Kulisse für fürwahr Wegweisendes. Die Vorsitzende Richterin Petra Wittmann verkündete ihr Verdikt zum Aktenzeichen 37 O 28331/12, der Schadenersatz-Klage "einer bekannten deutschen Eisschnellläuferin", wie es im Gerichtsdeutsch so wunderbar vage hieß.

Claudia Pechstein, seit Samstag 42, hatte 3,5 Millionen Euro Schadenersatz und 400.000 Euro Schmerzensgeld von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) und der Internationalen Eislauf-Union (ISU) gefordert, weil die gegen sie verhängte "Zweijahres-Sperre wegen Dopings" (so die Pressemitteilung des Gerichts) rechtswidrig gewesen sei. Diese Forderung wurde zurückgewiesen. Sie wurde zurückgewiesen, ohne dass die Kammer der Frage, ob die Sperre recht- mäßig war, überhaupt noch einmal nachging. Die Entscheidung des Internationalen Sportgerichtshofes (Cas), der im November 2009 die von der ISU verhängte Sperre bestätigt hatte, sei schlicht bindend.

Gericht bremst Claudia Pechstein

In Sotschi lief es nicht gut für Claudia Pechstein, vor Gericht ebenso wenig: Die Athletin scheitert mit ihrer Schadenersatzklage. Das Landgericht München erkennt das Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs an - stellt allerdings das gesamte System der Sportgerichtsbarkeit infrage. mehr ...

Wittmanns Vortrag dauerte neun Minuten. Als sie ihn mit den Worten "das war's" schloss, durften sich die ISU und die DESG dennoch nicht vorbehaltlos als Gewinner fühlen. Im Gegenteil.

Die 37. Zivilkammer hatte in die Urteilsbegründung einiges eingeflochten, was die Sportwelt grundsätzlich erschüttern kann. "Ein Erdbeben" verspürte denn auch Thomas Summerer, einer der drei Anwälte, die Pechstein für die Klage um sich geschart hatte. Anders als bei der mündlichen Verhandlung Ende September war Pechstein bei der Urteilsverkündung nicht im Gerichtssaal. Ihr nächster öffentlicher Auftritt ist am Wochenende beim Weltcup in Inzell geplant.

Noch im Gerichtssaal kündigte Summerer an, seine Klientin werde sicher die nächsthöhere Instanz anrufen, das Oberlandesgericht. Ein Monat bleibt Zeit, die Berufung dort anzumelden, danach ein weiterer Monat, um sie zu formulieren.

Trotz der an sich eindeutigen Niederlage, die die Pressemitteilung des Gerichts in der Überschrift "Kein Schadenersatz für Eisschnellläuferin nach Dopingsperre" bündelte, sieht Summerer in zwei Punkten Erfolge. "Das Gericht hat sich für zuständig erklärt", sagt er. Und: Die Sportverbände könnten künftig Athleten nicht mehr zwingen, Vereinbarungen zu unterzeichnen, die ihnen den Gang vor ordentliche Gerichte verwehrten. "Der Zwang ist weg", so Summerer, "es gibt ein Wahlrecht. Der Athlet kann vor staatliche Gerichte."

Dies ist tatsächlich ein Punkt in dem Spruch, der weit über das einstige Königreich Bayern hinausreicht. Die in der Athletenvereinbarung getroffene Schiedsvereinbarung sei "unwirksam", heißt es im Urteil, weil diese "seitens der Klägerin nicht freiwillig getroffen" worden sei. Zum Zeitpunkt des Abschlusses habe es ein "strukturelles Ungleichgewicht" gegeben, der nationale und der internationale Eislaufverband hätten "eine Monopolstellung" ausgespielt.

Auf Pechsteins Schadenersatzklage hatte diese Feststellung keine direkte Auswirkung, weil sie das Dilemma vor dem Cas nie beklagt hatte. Für das weitere Prozedere der Verbände aber könnte der Spruch gewaltige Abstrahleffekte haben. Man müsse "genau lesen, wie das begründet wird", der Cas sei "massiv angegriffen" worden, räumte Dirk-Reiner Martens ein, der die ISU in der Schadenersatzklage vertreten hatte und zudem regelmäßig als Cas-Richter wirkt. Gespannt wartete er, um sich das ausformulierte Urteil gleich abzuholen.