Doping in der Leichtathletik Wir schauen dann mal weg

Usain Bolt leistete sich 2011 in Daegu einen Fehlstart über 100 Meter - und schied aus.

(Foto: dpa)

Eine seit Jahren bekannte Studie legt weitflächiges Doping nahe - doch wie der organisierte Sport damit umgeht, ist schockierend.

Kommentar von Johannes Aumüller

Wie viele Sportler dopen? Es gibt zwei Möglichkeiten, sich einer Antwort zu nähern. Erstens: Man fragt die Funktionäre der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) oder sonstiger Instanzen des globalen Sports zur aktuellen Positivquote bei Dopingkontrollen. Zweitens: Man fragt, selbstredend in anonymisierter Form, die Sportler selbst, ob sie verbotene Substanzen nehmen.

Die Wada und ihre angeschlossenen Agenturen verkünden seit Jahren Positiv-Zahlen im Promillebereich. Sportlerumfragen hingegen ergeben ganz andere Werte. Bei einer Studie der Sporthilfe-Stiftung unter deutschen Kaderathleten gaben sechs Prozent der Befragten an, Schnellmacher zu nehmen - 40 Prozent beantworteten diese Frage gar nicht. Und nun veröffentlichte eine internationale Forschergruppe für die Leichtathletik-WM 2011 in Daegu und die Panarabischen Spiele 2011 noch höhere Zahlen. Demnach antworteten im komplizierten wissenschaftlichen Verfahren so viele teilnehmende Sportler auf die Doping-Frage mit "Ja", dass sich im Schnitt eine mutmaßliche Betrugsquote von 43,6 (Daegu) bzw. 57,1 (Doha) Prozent ergibt.

Förderung nur bei Medaillen: Auch das ist ein Doping-Anreiz

Es ist ziemlich naheliegend, welcher Ansatz substanziellere Ergebnisse liefert. Und es ist nur die Frage, was schockierender ist: die Zahlen an sich. Oder der Umgang des organisierten Sports mit solchen Daten.

Am Dienstag haben die Forscher ihre Ergebnisse zu den beiden Veranstaltungen des Jahres 2011 publiziert. Aber sie sind keineswegs neu. Die Methode mag kompliziert gewesen sein, die Auswertung war es nicht. Die Datenbasis war der Wada bald bekannt, und bereits 2013 sickerte die ungefähre Größenordnung an die Öffentlichkeit durch. Aber der organisierte Sport tat nur eines: gegen die Publikation der Umfrage ankämpfen. So ein Umgang mit unliebsamen Studien-Themen hat durchaus Tradition: Bisweilen harren Untersuchungen auf ewig der Veröffentlichung, wie eine Schmerzmittel-Studie im Fußball. Oder sie bleiben unvollendet, wie der große Report über Doping in Westdeutschland, der für die Zeit von 1950 bis 1990 eindrucksvoll systemisches Doping aufzeigt, aber leider bei der Wiedervereinigung abbricht und die Zeit bis heute nicht ausleuchtet.

Die nun veröffentlichten Studienergebnisse fügen sich ein in ein Mosaik aus Doping-Erkenntnissen der vergangenen Jahre, vom Betrugssystem um US-Radprofi Lance Armstrong bis zu Russlands Staatsdoping. Aber der Sport ignoriert das alles. Er will nicht eingestehen, wie weitflächig und strukturell Doping verbreitet ist, sondern hält stattdessen fürs Publikum die Mär von einigen wenigen schwarzen Doping-Schafen aufrecht. Zwar gibt es mal hier eine neue Integritätseinheit und mal dort eine neue Testbehörde; nirgends ist der organisierte Sport so gut wie im Erfinden und Etikettieren vorgeblich weltverbessernder Instanzen. Aber im Kern ändert sich nichts. Das Personal bleibt gleich, die Strukturen bleiben gleich, und vor allem bleibt die grundsätzliche Mentalität gleich.

Dafür braucht es übrigens gar keinen Blick nach Amerika oder Russland: In Deutschland lässt sich der Sport gerade trotz aller Erkenntnisse über den globalen Dopingbetrug auf eine sogenannte Leistungssportreform ein, die Disziplinen nur noch dann ausgiebig fördert, wenn sie Medaillen versprechen.

Auf dass bei den nächsten unabhängigen Athleten-Befragungen noch höhere Doper-Quoten herauskommen?

Die Studie, die der Sport nicht sehen will

Verbände wollten verhindern, dass eine anonyme Befragung an die Öffentlichkeit gelangt, in der 30 Prozent der Athleten Doping zugeben. Offenbar sollten die Ergebnisse vertuscht werden. Von Johannes Knuth mehr...