Doping in der Leichtathletik Schrecklich nette Sportfamilie

Russland ist ausgeschlossen, vorübergehend: IAAF-Chef Sebastian Coe am Freitag

(Foto: dpa)

Doping? Huch! Geheimdienst? Igitt! Sollten die russischen Leichtathleten bei Olympia starten dürfen, verschütten die Macher des Weltsports die letzten Tropfen an Glaubwürdigkeit.

Kommentar von Johannes Knuth

Neulich haben sie im Internationalen Olympischen Komitee mal wieder aufgeräumt. Haben Kuwait aus ihrer Familie verstoßen, weil die Regierung dort ein wenig im nationalen olympischen Gremium mitreden wollte. Ähnlich wie in Indien, Ghana und Panama. Pfui! Da kennt das IOC mit seiner "Null-Toleranz-Politik" (Präsident Thomas Bach) natürlich keine Gnade.

Nun haben die Leichtathleten in Russland zuletzt auch ein wenig geschummelt. Sie sollen jahrelang - huch -, gedopt haben, angestiftet von - uiuiui -, Trainern und Ärzten, überwacht - igitt - vom Geheimdienst! Ihr werdet schon sehen, Russland, wohin das führt, Null-Toleranz und so. Wie bitte? Das IOC verfügt leider über "keine Autorität" (Bach), den russischen Verband zu sperren oder von seinen schönen Olympischen Spielen fernzuhalten.

Na dann. Die Frage, die die Dopingaffäre in Russland in diesen Tagen aufwirft, ist ja schon eine spannende: Sollte man einen Verband, der systematisch betrügt, nicht auch systematisch, sprich: jahrelang sperren, wie einen Dopingtäter? Oder gibt unser Wertesystem eine derartige Kollektivstrafe nicht her? Man kann Sebastian Coe, Präsident der Welt-Leichtathletik, sogar verstehen, dass er kurz nach der von ihm ausgesprochenen Sperre schon wieder von Russlands Eingliederung redet. Aber von derart selbstlosen Motiven lassen sich die Herren der fünf Ringe ja eher selten leiten.

Russische Athleten in der Verbannung - aber wie lange?

Eine derart harte Strafe hat die Leichtathletik noch nie verhängt. Doch wie schwer die Sanktionen die russischen Sportler tatsächlich treffen werden, ist fraglich. Von Johannes Knuth mehr ... Analyse

Das IOC begreift sich gerne als Bewegung, die ihre Dinge intern regelt und brisantes Wissen nicht nach außen trägt. Und deshalb soll der russische Patient jetzt von sich aus gesunden, ohne dauerhafte, externe Behandlung. Neue Trainer, neue Funktionäre, fertig. Das ist ungefähr so sinnvoll, als würde man ein Krebsgeschwür mit Hustensaft kurieren. Aber es folgt dem längst verwelkten Gedanken, dass der Sport sich selbst regeln kann. Auch wenn er dabei die Idee der Resozialisierung missbraucht, um seine olympische Bewegung zu schützen. Und um Russland nicht zu verprellen, einen Mäzen des Weltsports.

Russlands Sportminister Witalij Mutko hat die Kronzeugen Witali und Julia Stepanow, die das verrottete System entblößten, am Sonntag als "Denunzianten" tituliert. Das fasst den Reformwillen des russischen Sports ganz gut zusammen. Sollten sie dafür mit einem Olympia-Startrecht belohnt werden, Kollektivstrafe hin- oder her, verschütten die Macher des Weltsports die letzten Tropfen an Glaubwürdigkeit.