Doping im Sport Wie viel Ulm mit Moskau gemein hat

Stramme Waden: Geher bei einem IAAF-Wettbewerb

(Foto: dpa)

Wie Russland seinen Doping-Skandal aufarbeitet, ist entlarvend. Doch auch in Deutschland gibt es ein Geschäft mit dem Schneller-Höher-Stärker. Das zeigen Fälle aus Ulm und Saarbrücken.

Kommentar von Thomas Kistner

Der russische Sport reagiert entlarvend auf die Sperre seiner Anti-Doping-Agentur Rusada. Sportminister Mutko bedauert den Schritt - als sei es ein Unglück, wenn eine Kontrollstelle ausgeschaltet wird, die Betrüger nicht überführt, sondern absichert. Die klarste Reaktion aber steuert Leichtathletik-Chef Wadim Selitschenok bei, der die böse Welt-Anti-Doping-Agentur Wada gern zurückstutzen würde: "Niemand bestreitet, dass sie sehr wichtig ist. Aber mir scheint, dass sie zu viele Vollmachten bekommen hat."

Das sind die Leute, die für Russlands Neuanfang stehen. Immerhin gehen sie mit dem Pharmaproblem erfrischend offener um als jene Funktionäre, die aus weniger autokratischen Ländern kommen - und daher cleverer agieren müssen. Thomas Bach etwa, der viele Jahre an der Spitze des deutschen Sports jene Vorstöße für ein Dopinggesetz blockiert hatte, die seit seinem Wechsel auf den IOC-Thron massiv vorangetrieben werden: Nie würde sich der geschmeidige Franke zu der Äußerung hinreißen lassen, dass eine Betrugsbekämpfungsinstanz wie die Wada zu viel Macht habe.

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Nein, Funktionärsprofis arbeiten subtiler. Wer einen IOC-Vize wie den Doping-Verharmloser Craig Reedie an der Wada-Spitze und einen weiteren Abkömmling der alten Funktionärsschule, Sebastian Coe, an der Spitze der globalen Leichtathletik weiß, braucht nicht zu befürchten, dass die Milliardenindustrie mit der (naturgemäß weithin manipulierten) Körperleistung auf Dauer Schaden nimmt durch die Russen-Affäre. Zur Sicherheit hat Bach erklärt, dass sein IOC nicht die Autorität hätte, Russland von den Spielen auszusperren. Warum auch? Das IOC ist nur Besitzer der Spiele.

Es wird also noch allerlei Theater fürs Publikum aufgeführt, bevor, kurz vor Beginn der Rio-Spiele 2016, die Entwarnung vom IOC kommt: Russlands Sport hat sich selbst gereinigt - wir heißen Putins porentief saubere Athleten willkommen!

Wie das Schneller-Höher-Stärker funktioniert

Wer aber meint, das Pharmaproblem sei nur im russischen Sport elementar angelegt, der braucht nur nach Memmingen zu blicken. Recherchen der ARD zu einem dort laufenden Strafprozess zeigen, dass ein Ex-Sportarzt der Uniklinik Ulm Kontakte zu deutschen Bundeskadern hatte - ein Arzt, dem vorgeworfen wird, Dopingmittel hergestellt, verteilt und verwendet zu haben. Der Deutsche Ruderverband bestätigte, dass der Mediziner das Juniorenteam bei der WM 2014 in Hamburg betreut habe. Hinweise auf Dopingvergehen lägen aber nicht vor. Der Arzt selbst will das Zeug nur für seinen Eigenbedarf hergestellt haben. Zuvor war der Mann in der Dopingforschung aktiv: Im Umfeld der Koryphäen an der Sporthochschule Köln.

Ein ähnlicher Fall trug sich im Umfeld der Saarland-Uni zu. 2012 wurde ein Medizinprofessor, der jahrelang sein Knowhow als Ernährungsexperte am Olympiastützpunkt vermittelte, als Dopingdealer verurteilt. Die Dissertation dieses Arztes zu Folgen des Steroidgebrauchs erhielt den Wissenschaftspreis des Saarlandes.

Nicht nur Athleten - im Sport stehen viele Ärzte und Funktionäre in beiden Lagern. Das Geschäft mit dem Schneller-Höher-Stärker funktioniert wohl nur so.

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