Champions League Bayern macht es unnötig spannend

Das 2:0 - Arjen Robben (rechts in Rot) schießt ein.

(Foto: dpa)
Von Benedikt Warmbrunn und Christof Kneer, Turin

Ein Achtelfinale besteht auch in der Champions League aus Hin- und Rückspiel, das heißt, jede Mannschaft hat mindestens 180 Minuten Zeit, um die Dinge zu regeln. Diese Erkenntnis führt mitunter zu einem Zeitmanagement, das für die Zuschauer auch mal langweilig sein kann, die Spieler orientieren sich meistens erst mal und schauen, was der Gegner so zu bieten hat. Dem FC Bayern sind die Regeln dieses Meisterpokals seit mehreren Jahrzehnten bekannt, aber selten haben die Bayern die üblichen Routinen dieses Spiels so sehr ignoriert wie an diesem Abend in Turin.

Die Abtastphase dauerte in etwa so lange wie der Anpfiff des Schiedsrichter: Kaum war das Spiel eröffnet, stürzten sich die Bayern in die gegnerische Hälfte, um dort - mit wenigen Ausnahmen - zu bleiben. So eine radikale Versuchsanordnung hat man im europäischen Fußball kaum einmal erlebt: Eine Auswärtself, die den Gegner - ein Weltklasseteam namens Juventus Turin - so unverschämt hinten rein drängt.

Sehr gute Perspektiven für das Rückspiel

So kühn dieser Plan war, so spektakulär verlief dann auch das Spiel, das viel höherklassiger war als ein handelsübliches Achtelfinale. Faszinierende Münchner dominierten das Spiel eine Stunde lang auf Weltklasse-Niveau, sie führten hoch verdient 2:0, bevor leidenschaftliche Turiner ein überraschendes Anschlusstor nutzten, um sich ins Spiel zurückzukämpfen. Das Ergebnis von 2:2 hätten die Münchner vor dem Spiel gewiss akzeptiert - nach diesem Spielverlauf dürfte es sie allerdings schmerzen. Die Bayern haben es noch mal unnötig spannend gemacht, dennoch eröffnet das 2:2 gute Perspektiven für das Rückspiel am 16. März. "Wir müssen so spielen wie die ersten 60 Minuten, nur halt 30 Minuten länger", sagte Arjen Robben trocken. Er sei "sehr zufrieden mit der Spielweise", meinte Pep Guardiola später, "Juventus war letzte Saison immerhin im Champions-League-Finale".

Guardiola ist bekannt als Freund des offensiven Spiels, er stellt seine Spieler weiter nach vorne als andere Trainer, aber an diesem Abend stellte er sie auch weiter nach vorne als Pep Guardiola. Selten hat ein Trainer aus der Not so dramatisch eine Tugend zu machen versucht wie der Bayern-Coach an diesem Abend: Die verletzungsbedingte Abwesenheit der Innenverteidiger Jérôme Boateng, Javi Martínez und Holger Badstuber konterte der Trainer mit einer Flucht-nach-vorne-Taktik, die die Existenz einer Abwehr unnötig machen sollte. Die Bayern sperrten die Turiner in der Nähe des Strafraums ein, nicht selten traf man einen der sogenannten Bayern-Abwehrspieler irgendwo in der Nähe der Zehnerposition. Der Arturo Vidal, dem Guardiola den Vorzug vor Xabi Alonso gegeben hatte, spielte eine Art Libero zwischen Joshua Kimmich und David Alaba, manchmal gab auch Kimmich eine Art Abwehrchef, das alles freilich im Mittelfeld.

Kimmich kann viel lernen

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Das war Guardiolas Idee: Wenn wir in der Abwehr schon eine Verletztenmisere haben, wie es sie noch nie gab, dann spielen wir auch halt auch eine Taktik, die es noch nie gab. Und wenn wir keine großen Spieler dabei haben, dann müssen wir halt so spielen, dass die großen Spieler des Gegners nicht an den Ball kommen. Ungefährlich war diese Strategie nicht: Bei dieser Spielweise war jeder Ballverlust mehr als nur ein Ballverlust. Er lud die Turiner ein, in die offenen Räume hineinzustoßen; das kam zwar selten vor, es war aber genau so ein Ballverlust von Vidal, der dem ehemaligen Münchner Mario Mandzukic eine Chance zur Führung ermöglichte (12.). Ansonsten waren es aber die Bayern, die sich in der Kunst der Chancenverschwendung übten. Kurz nach Mandzukics Aktion verschleuderten ausgerechnet jene beiden Münchner eine Gelegenheit, die zurzeit auch mit verbundenen Augen sechs Treffer an der Torwand landen würden. Nach feiner Vorarbeit von Philipp Lahm spielte Robert Lewandowski einen schlampigen Querpass auf Thomas Müller, der nur noch einen Kullerball zustande brachte.

Den Italienern gelang es zu diesem Zeitpunkt kaum, in die relevanten Zonen vorzudringen, einmal allerdings forderten sie (durchaus nachvollziehbar) einen Elfmeter, als Vidal der Ball an die Hand sprang. Das Spiel blieb, vor allem aus Münchner Sicht, erstklassig, aber es schien doch auf ein Nullnull zur Pause hinzusteuern - bis jener Mann die Bühne betrat, der als einziger Bayern bis dahin etwas unglücklich agiert hatte. Aber was heißt das schon, wenn es sich um Thomas Müller handelt?

Einige Bälle hatte Müller bis dahin etwas unsauber verschusselt, aber dann kam dieser Angriff: Robben flankte an den zweiten Pfosten, Douglas Costa verlängerte den Ball volley ins Zentrum, wo Barzagli nur unzureichend klären konnte; und der Abpraller kam halt wieder zu Müller, der den Ball trocken ins Tor schoss (43.).

Der Glaube der Italiener kehrt zurück

Mandzukic lässt sein Herz regieren

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Eine hoch verdiente Halbzeitführung war das, Juve wirkte gezeichnet von der Münchner Dominanz. Als Arjen Robben mit klassischem Robben-Move (von rechts nach innen ziehen und schießen) bald darauf das 2:0 glückte (55.), glaubten wohl nicht mal mehr die Italiener an eine Wende. "Aber dann kriegen wir ein Gegentor, das Publikum ist plötzlich wieder da, und dann merkt man halt, dass Juve eine gute Mannschaft ist", so fasste Philipp Lahm später die Eigendynamik dieser Minuten zusammen. Das 1:2 von Dybala (63.) brachte den Turinern den Glauben zurück; gleichzeitig begannen die Bayern zu wackeln, der junge Kimmich etwa, der das Tor per Ballverlust eingeleitet hatte. Nun häufte Juve Chance auf Chance, Cuadrado scheiterte an Neuer (67.), Pogba schoss knapp drüber (68.) - so überraschend das 1:2 kam, so vorhersehbar war dann das 2:2. Der eingewechselte Morata köpfelte den Ball ins Zentrum, wo der eingewechselte Sturaro den Ball vor Kimmich ins Tor grätschte (76.). "Trotzdem: Kimmich hat perfekt gespielt", lobte Guardiola später. Wahrscheinlich meinte er, dass Kimmich wie Bayern spielte: erst eindrucksvoll, aber dann mit Schönheitsfehlern, die aus einem 0:2 ein 2:2 machen.


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