Bundesliga Sticheln auf der HSV-Baustelle

Der HSV verliert auch unter Trainer Christian Titz (2.v.r.) und ist nun seit 14 Ligaspielen ohne Sieg.

(Foto: Oliver Hardt/Getty)
Von Peter Burghardt, Hamburg

"Endlich zweite Liga, HSV", sangen am Ende die mitgereisten Freunde von Hertha BSC im eiskalten Hamburger Volksparkstadion. Das war nicht nett, aber so wird es wohl sein. Nach der 1:2-Niederlage hat dieser traurige HSV nun wirklich nur noch theoretische Chancen, seinen ersten Abstieg aus der Bundesliga doch wieder zu verhindern. Es half nichts, dass da ein neuer Manager am Werk ist, eine neue Vereinsführung und ein neuer Trainer, bereits der dritte in dieser Saison. Er heißt Christian Titz und hatte bis vor einer Woche die U21 des HSV in der Regionalliga Nord trainiert, der vierten Liga. Es half auch nichts, dass Titz die halbe Mannschaft verändert hatte, das funktionierte nur 45 Minuten lang.

Das Führungstor von Douglas Santos aus der 25. Minute und manch andere Szene in Teil eins war für die Gastgeber erfreulich, ehe Hertha BSC die Verhältnisse nach der Pause cool und zielstrebig klärte. Valentino Lazaro und der eingewechselte Salomon Kalou trafen für die Berliner, die Hausherren verirrten sich am Ende einmal mehr auf dem eigenen Platz. "Der Knackpunkt war die Halbzeitpause", erkannte der Novize Titz, der erst am Montag Bernd Hollerbach abgelöst hatte. Seit 14 Spielen ist der HSV inzwischen ohne Sieg, der letzte Erfolg stammt noch aus der Zeit von Markus Gisdol, 3:0 am 26. November 2017 gegen Hoffenheim.

Obendrein dürfte der Nothelfer Titz in den kommenden Tagen mit Eitelkeiten seiner Belegschaft zu kämpfen haben, denn einige erprobte Profis fanden sich auf der Tribüne wieder. Er hatte in den fünf Tagen seiner Ära mal kurz einen Generalumbau seines Teams vorgenommen. Titz ließ erst mit 33 Männern trainieren, danach stellte er seinen Kader zusammen: Die Verteidiger Dennis Diekmeier und Mergim Mavraj mussten wie Mittelfeldspieler Walace und die Angreifer André Hahn und Sven Schipplock auf die zugigen Ränge. Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos und Schlussmann Christian Mathenia blieben Ersatz. Das Tor hütete Julian Pollersbeck, 23, im Sommer als U21-Europameister aus Kaiserslautern verpflichtet, und neben Lewis Holtby durften auch die Talente Matti Steinmann, Fiete Arp und Tatsuya Ito auf den Rasen. Der jüngste HSV in dieser unangenehmen Saison.

"Mich hat das sehr überrascht", sagt Papadopolous

Das sah erst deutlich besser als zuletzt beim 0:0 gegen Mainz und vor allem dem 0:6 beim FC Bayern. Angesichts des Radikalumbaus war das Volksparkstadion sogar voller als in den vergangenen Wochen, 52 000 Menschen setzten sich dem eisigen Wind aus. Plötzlich waren beim renovierten HSV Ansätze von Passspiel zu bewundern und Dynamik, angetrieben von Spielern wie Steinmann, Ito und Arp. Einen Rückstand verhinderte Pollersbeck, zitronengelbes Trikot, orangefarbene Handschuhe und gebleichte Haare - eine auffällige Gestalt, auch als er später gegen Vedad Ibisevic eine weitere Berliner Großchance vereitelte. Der Stadionsprecher ließ ihn angemessen feiern.

Dann fiel obendrein erstmals seit geraumer Zeit mal wieder ein Tor für die Hausherren: Nach hübscher Kombination im Mittelfeld und weitem Pass von Filip Kostic lief der Brasilianer Santos alleine auf Rune Jarstein zu und schob den Ball ins Netz - 1:0. Dazu kam die frohe Kunde auf der Anzeigetafel, dass Mainz in Frankfurt 0:3 zurück lag, da waren es für einen Moment nur noch vier Punkte Rückstand auf Platz 16.

Doch nach der guten ersten Hälfte kam die zweite Hälfte, und bald waren es wieder sieben Punkte Abstand auf den Relegationsrang. Der Schwung der Ära Titz war dahin, wie ausgeknipst. Der Österreicher Lazaro schoss nach Flanke von Marvin Plattenhardt den Ausgleich (56.). "Das Tor hat einige Blockaden gelöst", erläuterte Herthas Trainer Pal Dardai, 448 Minuten hatte sein Ensemble zuvor nicht mehr getroffen. Als er dann nach einer Stunde den Stürmer Kalou aktivierte, riet er ihm, sich gut warm zu machen, vielleicht achte der HSV nicht mehr so sehr auf ihn. So war es, drei Minuten später ließ Kalou das 1:2 folgen. Santos, Gideon Jung und der Holländer van Drongelen liefen nebenher, als Arne Maier Herthas Siegtreffer einleitete.

Man habe "in der zweiten Halbzeit total den Faden verloren", klagte Thomas von Heesen, der einstige Teamkapitän, neuerdings eine Art Sportdirektor. Andere wurden deutlicher. Es sei nicht die beste Lösung des Trainers gewesen, auf erfahrene Spieler zu verzichten, stichelte anschließend der Grieche Papadopolous, der sich vom Abwehrchef zum Bankgast verändert hatte. Mit ihm habe der Trainer nicht mal gesprochen, "mich hat das sehr überrascht." Nach Abpfiff gab es Tumulte im Hamburger Fanblock, und statt des Maskottchens Dino liefen auf dem Spielfeld Polizisten mit Hunden auf. Die Berliner sangen derweil mit Hohn und Spott weiter: "Zweite Liga, Hamburg ist dabei."


Quelle: Opta Sportdaten

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