Abgereiste Ruderin Nadja Drygalla Ahnungslose politische Spitze

Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Die Kernfrage lautet ja, wieso Drygallas behörden- und sportbekannte private Nähe zu einer Größe des rechten Lagers im nationalen Sport so wenig geläufig war, dass sie trotz schärfster Überprüfungen durch Ministerien und Geheimdienste, denen sich jeder für Olympia akkreditierte Teilnehmer unterziehen muss, nach London reisen durfte - und sogar kurz vor der Eingliederung in die Bundeswehr-Förderung stand? Der Antrag der Athletin, sagte DRV-Sportdirektor Mario Woldt, sei "nun erst einmal zurückgezogen" worden.

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Vesper hat aus der Londoner Defensive etwas Bemerkenswertes gesagt. Der DOSB wisse, "dass Rechtsradikale in vielen Vereinen versuchen, auf Posten zu kommen - wir sind hellwach auf diesem Gebiet". Im Fall Drygalla ist das nicht erkennbar. Dabei war deren umstrittener Partner früher selbst ein nationaler Leistungssportler. Mit dem "kleinen Deutschland-Achter", wie der Landesverband schrieb, war er bei der Junioren-WM 2006 in Amsterdam als Schlagmann unterwegs. In Athletenkreisen ist das bekannt; zwei frühere Mitstreiter holten in London Gold mit dem Achter.

Auch über Drygalla selbst wurde in Athletenkreisen offen gesprochen. In London sagte die Ruderin Carina Bär: "Wir haben intern öfter diskutiert, dass wir solche Haltungen nicht tolerieren. Bei ihr war es ein offenes Geheimnis." Gemeint sei Drygallas politische Gesinnung. Dies bestätigten laut der Nachrichtenagentur dapd andere Athleten, die ungenannt bleiben wollten.

Druck auf die Sportfunktionäre

All das erhöht den Druck auf die Sportfunktionäre - und auf das Bundesinnenministerium, das bei Nominierungs- und Sicherheitsfragen ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Die Vorgänge, die Drygalla 2011 in den Fokus ihres Dienstherrn brachten, der Landespolizei, müssen ja auch zu Erkenntnissen beim Verfassungsschutz geführt haben. Doch bei der Olympia-Berufung lag offenkundig nichts vor.

Trotzdem griff DOSB-Präsident Thomas Bach am Samstag in London "erbost" Politiker an - wie Dagmar Freitag, Chefin im Bundestags-Sportausschuss. Ihr Gremium werde sich "wohl noch im September" mit der Affäre befassen, sagte Freitag im Deutschlandfunk. "Für mich ist völlig unvorstellbar, dass eine Spitzenathletin aus einer Sportfördergruppe ausscheidet und absolut niemand im organisierten Sport will etwas davon gewusst haben."

Auch Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich fordert nun, die Causa müsse "umfassend geklärt werden". Sein Mecklenburger Kollege Lorenz Caffier stößt ins selbe Horn. Die Sache wird brisant, zumal er bestätigt, in die Gespräche seiner Behörde mit Drygalla 2011 seien "auch der Landessportbund und ihr Verein einbezogen" worden. Caffier sitzt jedoch auch im Aufsichtsrat der Nationalen Anti-Doping-Agentur wie DOSB-General Vesper; dort hatten sie zuletzt sehr viel zu tun. Wäre ein klärender Zuruf nicht angezeigt gewesen?

Behörden, Klub, Landesverbände wussten es, Athleten redeten darüber. Nur die politische Spitze des nationalen Sports war ahnungslos. Es sei "inakzeptabel, die Aussagen und das Vorgehen der Mannschaftsleitung in Zweifel zu ziehen", schimpfte Bach in London. Dort war Missionschef Vesper von Drygalla auch über deren freiwilligen Austritt aus dem Polizeidienst informiert worden. Nicht aber, sagt DRV-Funktionär Woldt, der dem Gespräch beigewohnt hatte, dass dies nur auf intensiven Druck des Dienstherrn geschehen war.