50+1 im Fußball Ein Stoppschild, das jeder nach Lust und Eile umfahren kann

Seit Wochen protestieren die Fans der Bundesliga für den Erhalt der 50+1 Regel. So wie hier beim Duell des VfB Stuttgart gegen RB Leipzig Anfang März.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Dass sich die Klubs vor mehr Einfluss durch Investoren schützen wollen, ist ein wichtiges Zeichen. Aber auch so lebt der deutsche Fußball schon oft genug in einer 50+1-losen Welt.

Kommentar von Johannes Aumüller

50+1, das ist die Zahlenkombination, die den deutschen Fußball in den vergangenen Wochen so intensiv beschäftigt hat - und auch weiter beschäftigen wird. 50+1, das ist zunächst nicht mehr als die Kurzformel für jenen Passus des Reglements, wonach bei jedem Klub der Stammverein die Stimmenmehrheit an der ausgegliederten Fußball-Abteilung halten muss. Aber längst ist sie viel mehr als ein nüchterner Paragraf, sie ist ein emotionales und manchmal überstrapaziertes Symbol in der Auseinandersetzung über die Zukunft des Fußballgeschäfts. Die Regel sei das "letzte Stoppschild einer immer weiter voranschreitenden Kommerzialisierung", so beschrieb es jüngst Andreas Rettig, der Geschäftsführer des Zweitligisten FC St. Pauli.

An diesem Ansatz ist viel dran - und deswegen ist es gut, dass sich die Mitgliederversammlung der 36 in der Deutschen Fußball Liga (DFL) organisierten Erst- und Zweitligisten nach wochenlanger, teils scharfer Diskussion für eine Beibehaltung der Regel entschieden hat. Kommerz und Kapital bestimmen ohnehin schon zu viel in diesem Fußballgeschäft, das sollte sich nicht noch verstärken. Zwar stimmt es, dass nicht jeder externe Investor ein dubioser Typ aus fernen Ländern ist; und richtig: Managementversagen gibt es unabhängig davon, woher und wie viel Geld in einen Klub fließt.

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Dass sich jedoch bei einem Wegfall der Regel das Risiko stark erhöht, dass ein Klub zum Spielball von reinen Spekulationsgeschäften wird, ist unbestritten. Die Folgen lassen sich in vielen Ligen Europas nachvollziehen, in denen die Kontrolle minimiert ist. Auch gibt es bisher keine überzeugenden Argumente für eine Aufhebung. Glaubt wirklich jemand, einer Liga ohne 50+1 erwüchsen auf einmal jede Menge Bayern-Kontrahenten? Und damit ein Ende der Langeweile im Titelkampf? Wäre nicht viel eher zu erwarten, dass am Ende gerade die Bayern durch neues Kapital aus neuen Quellen überdurchschnittlich profitieren würden? Und liegt es tatsächlich an der Abwesenheit von Investoren, dass die Bundesliga im Europapokal schwächere Resultate als früher einfährt?

Als konkrete Regel ist 50+1 nicht so wirkungsvoll, wie sie es sein müsste

Der deutsche Fußball hat über die Jahre ein eigenes Modell etabliert, das ihn von anderen Ligen unterscheidet und ihn als Ganzes erfolgreich macht. Das darf er nicht aufs Spiel setzen. Basis und Fans einerseits sowie der Spitzenfußball andererseits entfremden sich immer mehr voneinander. Die wachsenden Lücken auf den Bundesliga-Tribünen zeugen davon, und nicht nur die. Die 50+1-Regel zu kappen, wäre eine neue Eskalationsstufe.

Andererseits sollte niemand die Regel überhöhen. Denn mitunter wirkt es ja so, als ob dieses Stoppschild auf dem Standstreifen einer vierspurigen Autobahn steht und jeder, der Lust und Eile hat, auf der Überholspur vorbeidüsen kann. Der Grad der Kommerzialisierung im Fußballbusiness ist irre, unabhängig von der Frage, wie die Eigentümer-Verhältnisse eines Profiklubs strukturell geordnet sind. Und als konkrete Regel ist 50+1 nicht so wirkungsvoll, wie sie es sein müsste. In Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim gibt es Ausnahmegenehmigungen, weil dort die Investoren seit mehr als 20 Jahren die Vereine unterstützen. In Leipzig wird gegen den Geist der Regel offen verstoßen, und bei 1860 München beweist der Investor Hasan Ismaik, dass es formal gar nicht 50 Prozent der Anteile braucht, um in einem Verein eine Chaos-Regentschaft auszuüben.

Mit 50+1 lebt der deutsche Fußball gut. So lange keine bessere Idee geboren ist.

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