Sprachlabor (74) Ab in den Zeugenstand

SZ-Redakteur Hermann Unterstöger äußert sich zu kühnen Konstruktionen und erklärt den bairischen Apostroph.

WENN'S UMS STREIFLICHT geht, näherhin um dessen Verteidigung, greifen wir tiefer als sonst in die Harfe. Heute rufen wir den Dichter Johann Christian Günther in den Zeugenstand, der in seinem Gedicht "Als er von seinem Nebenbuhler abgestochen zu werden besorgte" - was für ein Titel! - den Frauen dies zum Vorwurf macht: "Ich kenne schon den Unbestand der Weiber, / die nicht so wohl den Mensch als nur das Wams beschaun . . ." Und was soll damit verteidigt werden? Nichts, denn der Dativ "dem Mensch", den unsere Leserin K. im Streiflicht entdeckte und mit einem wilden "J'accuse!" ruchbar machte, ist so falsch, dass ihm hier auf Erden nicht geholfen werden kann, auch nicht durch einen vergleichbaren Akkusativ aus der Poesie.

Ernst Munzinger, Geschäftsführer der Munzinger Archiv GmbH in Ravensburg, steht mit einem Nachschlagewerk in der Hand vor einem Regal mit unterschiedlichen Nachschlagewerken.

(Foto: dpa)

REZENSIONEN werden unter großem inhaltlichen und zeitlichen Druck verfasst, und so schrieb denn Leser B. diesem Druck auch zu, was sich in der "Tannhäuser"-Kritik kürzlich ereignete: der Hinweis, dass der Applaus ohne den "üblich geworden zu scheinenden Aplomb einer Staatsaktion" vonstatten gegangen sei. Die Konstruktion ist in der Tat kühn, wenn auch, wie bei kühnen Taten nicht selten, aus dem Lot. Korrekt hätte es "üblich geworden zu sein scheinenden" heißen müssen, Herrn B.s Variante "anscheinend üblich gewordenen" ist jedoch besser und schöner.

DER APOSTROPH im Bairischen: ein ewig unerledigtes Thema! Mit einigem Aufwand und mit Hilfe kompetenter Native Speaker haben wir in der SZ vor Jahr und Tag einen Konsens erzielt, wonach wir der "Wiesn", vormals gemeinhin als "Wies'n" geschrieben, den Apostroph vorenthalten; schließlich steht dahinter keine "Wiesen", aus der ein "e" eliminiert worden wäre. Als Leser E. nun in unserer Online-Ausgabe auf den Oktoberfest-Titel "Aufg'baut wird!" stieß, ist er z'samm'g'zuckt: Im Bairischen heißt es "aufbaut", weil das Perfekt-Präfix "ge-" vor Verschlusslauten wie "b", "t" oder "k" verschwindet: abbrennt, auftankt, auskotzt. Vor anderen Konsonanten bleibt es als "g" erhalten, weswegen beispielsweise Kollegen, die "aufg'baut" schreiben, in Zukunft aufgmischt werden - und wie!