Städtereise-Serie "Bild einer Stadt" Peking, Stadt der hungrigen Grantler

Blick auf den Wachturm des Zhengyang-Tores am Südende des Platzes des Himmlischen Friedens in Peking

(Foto: imago/imagebroker; Illustration Jessy Asmus)

In Peking können Außerirdische nichts falsch machen und finden in der "Geisterstraße" immer etwas zu Essen. Jederzeit. Die beste Pekingente gibt es aber woanders. In unserer neuen Serie verraten SZ-Korrespondenten Tipps für ihre Stadt.

Von Kai Strittmatter

Eine Stadt zu bereisen, bedeutet nicht nur Sehenswürdigkeiten abzuklappern. Sondern einen Blick in ihre Seele zu werfen - und dabei schöne Orte kennenzulernen, die auch Einheimische lieben. Wir haben unsere SZ-Kollegen in fernen Metropolen gebeten, "ihre" Stadt anhand eines Fragebogens zu präsentieren. Diesmal verrät Kai Strittmatter, warum Peking die Stadt für ewig Hungrige ist und wie chaotische Grummler die Bürokraten verzweifeln lassen.

Was ist das Besondere an Peking?

Mit diesem Satz verabschiedete sich vor ein paar Jahren ein Kollege in die Heimat: "Du kannst hier keine Rolle Klopapier kaufen, ohne ein Abenteuer zu erleben." Stimmt. Das Tolle an Peking: Es ist einfach nicht totzukriegen - so sehr sich die Stadtherren auch bemühen. Mit seinem Netz aus Gassen und Hofhäusern war es einst eine der großartigsten und unverwechselbarsten Städte der Welt. Leider arbeiten seine Bürokraten und Immobilienspekulanten seit Jahrzehnten Hand in Hand daran, dem Geist dieser Stadt den Garaus zu machen: mit Abrissen, mit Verboten, mit dem Verlust menschlicher Proportionen, mit dem Rauswurf unerwünschter Zugereister. Klinisch sauber und kontrolliert wollen sie es überall. Und doch erhebt er überall sein Haupt, der Geist Pekings, sobald der Apparat einmal nicht hinschaut. Und dann ist sofort heimeliges Chaos, wo eben noch ein strenger Blick herrschte, und das Leben, laut, bunt und anarchisch, erobert sich den öffentlichen Raum zurück.

Peking ist, gegen den Willen seiner Herren, ein Abenteuer. Noch immer.

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Und wie ticken die Einwohner?

Die Pekinger halten sich insgeheim für die Tollsten, sowieso. Schließlich besiedeln sie ja die Hauptstadt. Das Angenehme an ihnen: Sie ruhen dabei sehr in sich selbst, sind erdige, knarzige Grummler. Es fehlt ihnen die demonstrative, nervöse Herablassung der Shanghaier, die gern etwas Neureiches an sich hat. Wie alle Chinesen sind sie weit sozialere Wesen als der gemeine Mitteleuropäer, auch wissen sie gutes Essen mehr zu schätzen. Am liebsten ist ihnen "Renao" 热闹, also wenn es "heiß ist und kracht": Spektakel aller Art ziehen sie magisch an, und Restaurants werden nach ihrer Lautstärke beurteilt. Je krachiger, umso besser.

Wie kommt man am besten mit ihnen in Kontakt - und wo?

Pekinger kommen bisweilen griesgrämig rüber, sind aber sehr kontaktfreudig. Am besten besucht man sie in den verbliebenen öffentlichen Räumen, die sie selbst zu ihrem Vergnügen in Besitz nehmen. Also zum Beispiel in den Hutongs, den alten Gassen. Auf den Plätzen, auf denen sie abends tanzen. Und vor allem: In den Parks, in denen sie sich frühmorgens treffen zu Taiji und Tango, Kungfu und Federball, Discotanz und zum Rückwärtslaufen. Mein Lieblingsort: der kleine Ritan-Park.

Wohin gehen Einheimische ...?

  • zum Frühstücken: In den Hutongs, den Gassen, treffen sich alle an den Ständen, die die berühmten "Jianbing" 煎饼 verkaufen: Frühstückspfannkuchen. Salzig, scharf, knusprig, genial.
  • zum Mittagessen: Die Office-Ladies verabreden sich in den schicken Lokalen Sanlituns im Stadtbezirk Chaoyang. Die Gassenbewohner essen sich an den typischen Nudeln der Shaanxi-Küche satt (unbedingt die "youpo mian" 油泼面 probieren, die scharfen, in Öl geschwenkten Nudeln). Oder gehen in den Jiaozi-Laden, dort gibt es die Jiaozi 饺子-Teigtäschlein gekocht oder gebraten, mit Dutzenden unterschiedlichen Füllungen. Meine Lieblingssorte: Schweinefleisch und Fenchel (Zhurou Huixiang 猪肉茴香).
  • am Feierabend: Die soziale Beschäftigung Nummer eins in China auch am Abend - essen. Egal wo und fast überall gut. "Essen ist des Volkes Himmelreich" heißt ein altes Sprichwort. Wenn Sie auf Pekingente aus sind, probieren Sie eine der "Dadong"-Filialen. Mittlerweile nicht mehr billig, ist sie aber noch immer die beste Ente der Stadt.
  • in der Nacht: Essen. Zum Beispiel in der Guijie, der "Geisterstraße". Sie heißt so, weil man dort 24 Stunden lang einkehren kann. Renao ("heiß und krachig")! Viele Lokale, die fast alle scharfe Krebse servieren; ansonsten dominiert hier die Sichuan-Küche: rustikal und scharf.

Das liebste Hobby der Menschen in Peking? Essen.

(Foto: dpa)

Was finden die Menschen in dieser Stadt gar nicht komisch?

Ausländer sind generell sehr komisch und können eigentlich nichts tun, was sie nicht komisch machen würde. Im Prinzip gilt: Ausländern wird, zumindest was die Etikette angeht - fast - alles verziehen. Sind ja praktisch Außerirdische. Können ja nichts dafür, dass sie Außerirdische sind.

Und wofür werden sie den Urlauber aus Deutschland lieben?

Für Mercedes und Beckenbauer und Merkel und Heintje. Für all das wurde zumindest ich schon geliebt, wenn ich mich als Deutscher zu erkennen gab. Ansonsten gilt man als Deutscher grundsätzlich als regelvernarrt und penibel, als ernst und gewissenhaft, und damit automatisch als ein bisschen unheimlich.

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