Sightjogging durch Barcelona Geschichten im Galopp

Die Ramblas waren im Mittelalter die Kotabflüsse der Stadt. Heute gibt es hier Blumenstände, den Brunnen Font de Canaletes oder das Opernhaus Gran Teatre del Liceu. Sie stehen in jedem Reiseführer.

Aber da sind auch diese tiefen Einkerbungen in den steinernen Schwellen einer Bar mit der Hausnummer 22, und deren Geheimnis erfährt wohl niemand, der nur mit einem Buch unterwegs ist: "Diese Spuren haben die Prostituierten hinterlassen, die hier jahrzehntelang mit ihren Pfennigabsätzen standen", sagt Krüger. Er erklärt lebendig wie ein Turnschuhträger, nicht so trocken dozierend wie einer dieser Fremdenführer mit Fähnchen am Stock.

Im Zickzackkurs durch das Gotische Viertel

Ab und zu rempelt er seinen Kunden aus Versehen an. "Sorry, hier müssen wir abbiegen." Abrupt geht es im Zickzackkurs durch die engen, steinernen Gassen des Barri Gòtic, des Gotischen Viertels, in dessen labyrinthische Häuserschluchten die Sonne noch nicht scheint. Es stinkt nach Urin und Erbrochenem, ein paar Meter weiter duftet es aus einer Backstube nach Kaffee. Da bekommt ein Gemüsehändler frische Ware. Hier fault Abfall. Auf der Plaça Reial kicken Jungs mit Bierdosen. Ein kläffender Hund springt den Läufern nach.

Sightjogging ist eine sinnliche Erfahrung. Die Eindrücke kommen schnell, intensiv, und manchmal verwischen sie auch im Augenwinkel. Dann sagt Krüger: "Ah, das war gerade die Synagoge." Aber sein Anspruch ist nicht, die Sehenswürdigkeiten komplett abzuhaken. "Ich will Lust machen auf Barcelona", sagt er, "wer will, kann sich später alles noch einmal in Ruhe anschauen."

Zum Beispiel die gepflasterte Straße Carrer de Ferran, die bei den Dreharbeiten zu Patrick Süskinds "Das Parfum" als Kulisse für das Paris des 18. Jahrhunderts diente. In der Ausgestorbenheit des frühen Morgens muss man sich nur ein paar geparkte Autos für diesen Zeitsprung wegdenken. Oder die Carrer d'Avinyó, in deren Nähe Picasso wohnte, der hier "Les Demoiselles d'Avignon" malte - eben keine Jungfern aus der Provence, sondern Prostituierte aus dieser Straße.

Verträumte Plätze im Dämmerlicht

Eine Entdeckung ist auch die winzige, versteckte Plaza de San Felipe Neri, der Lieblingsort des Architekten Antoni Gaudí, der im Dämmerlicht so verträumt wirkt wie auf einem Dorf, aber um diese Uhrzeit noch Lagerplatz für Obdachlose ist. Solche Schattenseiten einer Stadt sind beim Sightjogging besser sichtbar als tagsüber im Gewimmel.

Oder die Konditorei in der Carrer Petritxol, wo die spätere Operndiva Montserrat Caballé Süßigkeiten kaufte, als sie hier noch als Taschentuchschneiderin arbeitete. Der Rollladen ist erst halb geöffnet. Graffiti sind darauf gesprüht, wie überhaupt auf fast alle Schaufensterabdeckungen dieser Straße. Hier durchzulaufen ist, wie eine Galerie für Straßenkunst zu besichtigen - aber eben auch nur jetzt, bevor die Läden für die Touristen hochgezogen werden.

Dann entspannen die Sightjogger längst in einer Strandbar. Laufen und schauen hat auch einen ganz banalen Reiz: Berge der hiesigen Spezialität Patatas Bravas, frittierte Kartoffeln mit scharfer Soße, schmecken schon kurz nach Sonnenaufgang toll.

Informationen

Anreise: Lufthansa bietet 17 tägliche Verbindungen (von Frankfurt, München, Düsseldorf und Stuttgart) nach Barcelona. Preis hin und zurück ab 99 Euro inklusive Steuern und Gebühren. www.lufthansa.com.

Weitere Auskünfte: Sightjogging Barcelona bietet Touren von verschiedener Länge, mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden und Themenschwerpunkten. Eine Person bezahlt für eine Stunde 70 Euro, für 90 Minuten 100 Euro. Eine Drei-Tages-Tour à 60 Minuten kostet 180 Euro pro Person.

Bei mehreren Personen sinken die Preise, bei vier Teilnehmern halbieren sie sich. www.sightjogging-barcelona.com

run@sightjogging-barcelona.com

Tel.: 0034/620469391