Schweiz Beinahe Alaska

Im Schatten von Eiger, Mönch und Jungfrau: Kajakfahren auf dem Brienzersee im Berner Oberland ist nun auch im Winter möglich - ein paar Dinge sollte man dabei aber auf jeden Fall beachten.

Von Ingrid Brunner

Es war Liebe auf den ersten Blick. Als Dave Storey vor vier Jahren den Brienzersee zum ersten Mal sah, ging ihm spontan durch den Kopf: "Wow, fährt hier denn niemand Kajak?" Und so war ihm ganz unverhofft seine Geschäftsidee in den Schoß gefallen. "Der See ist sehr ruhig - meistens. Nur wenn der Föhn bläst, haben wir hier fast einen Meter hohe Wellen." Aber eigentlich sind das eher Peanuts für den Kajaktrainer. Dave könnte in schwerer See drei Meter hohe Wellen abreiten und dabei als Guide auch noch andere Kajakfahrer mit durchlotsen. Er ist "Five-Star-Leader", das ist die höchste Qualifikation, die man als Seekajak-Guide beim international renommierten British Canoeing Klub erwerben kann.

Doch ausgerechnet ins beschauliche Bödeli, die kleine Schwemmebene zwischen Thuner- und Brienzersee, weit weg vom Meer, hat es den 35 Jahre alten Briten verschlagen. Und das kam so: Weil er nicht nur begeisterter Wassersportler ist, sondern auch noch klettert und Ski fährt, kam Dave vor sieben Jahren nach Zermatt, um sich zum Skilehrer ausbilden zu lassen. Eine Sportverletzung und die Physiotherapeutin Olivia brachten seine Pläne dann etwas durcheinander. Heute spricht Dave fließend Schwyzerdütsch, ist mit Olivia verheiratet, und Timo, ihr dreijähriger Sohn, fährt schon Kajak wie ein Großer. Wenig verwunderlich also, dass Dave kein bisschen unglücklich ist über die Launen des Schicksals. Im Gegenteil, er sprüht vor Energie und bringt gerade seine neueste Idee aufs Wasser: Kajakfahren im Winter.

Eine gute Idee, findet Nathalie Wahli von Interlaken Tourismus. Die Winter in der Region Interlaken sind mild und sonnig. Mit 568 Metern Meereshöhe liegt der Ort nur knapp 50 Meter höher als München. Schnee im Tal ist eher die Ausnahme als die Regel, und die Skigebiete Habkern, Beatenberg oder Brienz liegen mindestens eine halbe Stunde entfernt. Zu weit für die meisten Skifahrer. Daher kommen drei Viertel der Gäste in den Sommermonaten, zwischen Mai und September. Deshalb, und weil der Brienzersee nie zufriert, baut Interlaken alljährlich mitten im Ort einen riesigen künstlichen Eisparcours, flankiert von Restaurants und Marktständen. Nachts ist "Ice Magic", so der Name der Veranstaltung, die Familien ebenso ansprechen soll wie Partygänger und Genießer. Um im Wettbewerb mit anderen Wintersportorten im Berner Oberland mithalten zu können, setzt Nathalie Wahli auf ein alternatives Sportprogramm zwischen sanftem Abenteuer und echten Herausforderungen: Die Gäste können aus einem breiten Angebot an Aktivitäten zu Wasser, zu Lande und in der Luft wählen, die meist englische Namen tragen und auf die Silbe -ing enden wie Bungee Jumping, Paragliding, Canyoning, River Rafting. Winter-Kajaking passt da ausgezeichnet ins Konzept.

Wie in der Schweiz allgemein sind auch in Interlaken die Gästezahlen rückläufig: Kumuliert ging die Zahl der Logiernächte zwischen Januar und Oktober 2016 erstmals um 2,55 Prozent zurück. Besonders die englischen und die chinesischen Gäste bleiben aus, ebenso die Besucher aus Korea und Russland. Es gibt aber auch Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht: Österreicher, Skandinavier, Thailänder, Indonesier und Besucher aus osteuropäischen Ländern treten an die Stelle der alten Klientel.

Informationen

Anreise: Von München mit dem Fernbus nach Zürich, weiter mit der Bahn nach Interlaken ab circa 77 Euro.

Unterkunft: Jugendherberge Interlaken, nahe dem Bahnhof Interlaken Ost, die für Gäste jeglichen Alters geöffnet ist und zur besten Schweizer Jugendherberge 2016 gekürt wurde. Preis für das Zweibettzimmer mit Dusche, WC, Balkon ab 121 Euro mit Frühstück, www.youthhostel.ch/interlaken.

Kajak: Die Kajakschule Hightide liegt am Brienzersee im Ort Bönigen. Sie bietet Kajak-Kurse, Familienprogramme und barrierefreien Zugang für Menschen mit Behinderungen. Die beschriebene Halbtagestour Winter-Kajaking kostet 102,30 Euro, die Leihgebühr für den Dry Suit beträgt 18,60 Euro, www.hightide.ch, www.interlaken.ch, www.myswitzerland.com.

In Bönigen, einem Dorf in der Nähe von Interlaken, steht Dave nun in seiner Kajak-Schule und bereitet die Teilnehmer auf die Wintertour vor. Der See ist nur einen Steinwurf entfernt, die Sonne gießt goldenes Licht auf das intensiv blaue Wasser. Ein verlockender Ausblick. Doch bevor es hinausgeht, müssen die Gäste erst einmal hinein in die Trockenanzüge.

Und das ist ungefähr so schwierig, wie in einen Batman-Anzug zu schlüpfen, nur dass der das quasi nebenher im Flug erledigt. Die Kluft schützt die Sportler vor kaltem Wind und eisigem Wasser - sollte tatsächlich mal ein Teilnehmer kentern. Der Brienzersee ist 14 Kilometer lang, misst an seiner breitesten Stelle drei Kilometer, kein besonders großes Gewässer also. Wichtig ist hier vielmehr, dass er der tiefste Binnensee der Schweiz ist, in dem es bis zu 260 Meter hinuntergeht. Daher ist das Wasser ganzjährig sehr kalt. Aktuell liegt die Wassertemperatur bei sechs Grad Celsius. Da möchte man nicht so gerne baden gehen.

Es sei noch nie jemand ins Wasser gefallen, beteuert Dave, aber einmal sei eben immer das erste Mal. Der mehr als zwei Kilogramm schwere Dry Suit, wie er in der Wassersportszene meist genannt wird, ist im Grunde ein gigantischer gelber Strampelanzug mit Füßlingen und Kapuze, mit verschweißten Nähten und wasserdichten Reißverschlüssen. Innen ist er teils mit Neopren, teils mit Fleece gefüttert. Man steigt in dieses Teil regelrecht hinein. Ist man in die Füßlinge geschlüpft, gilt es die ganze Montur mit Schwung oder mithilfe eines Teilnehmers über die Hüften zu wuchten. Breite Latex-Manschetten umschließen Hals und Handgelenke, sodass kein Wasser eindringen kann. Sind die Hände durch, ist die Engstelle Kopf dran: Vor allem lange Haare ziepen schmerzhaft beim Durchschlupf. Nach dieser Prozedur heißt es in die Hocke gehen, Zipper an der Brust noch einmal öffnen. Wie aus einem Luftballon entweicht die Luft mit einem Zischlaut aus dem Anzug. Steht man nun auf, liegt er wie eine zweite Haut am Körper an.

SZ-Karte

Endlich liegen die Kajaks am Ufer, beim Einsteigen kippeln sie ein wenig hin und her, aber sobald genug Wasser unterm Kiel ist, gleiten die Boote ruhig über den spiegelglatten See. Dave gibt den Anfängern Tipps: "Streckt die Arme durch, das Paddel im großen Bogen abwechselnd eintauchen." Er sagt, dass man nicht nur mit den Armen, sondern mit dem ganzen Körper Kajak fährt. "Wenn ihr das Paddel links eintaucht, dann helft mit dem linken Bein nach, als wolltet ihr beim Autofahren Gas geben" - das verstärke den Schub, erklärt er. Es funktioniert, man kommt schneller voran. Zum Eingewöhnen führt er die Gruppe am Ufer entlang, vorbei an der Mündung der Lütschine. Der Bach trägt Wasser vom Giesengletscher aus dem Jungfrau-Massiv in den See. Ihm verdankt er seine milchig-blaue Färbung.

In der Ferne ein Schwan, ein paar Blesshühner, ansonsten: Stille

Ein paar Meter weiter fließt Wasser in die andere Richtung: Die Aare, die bei Brienz in den See mündet, verlässt ihn bei Bönigen, fließt durch das Bödeli, um anschließend den Thunersee zu durchqueren. Die Luft ist warm an diesem sonnigen, wolkenlosen Vormittag. Die anfängliche Nervosität löst sich, und nun hat man Zeit, die Natur zu betrachten. In der Ferne gleitet ein Schwan übers Wasser, ein paar Blesshühner sind zu sehen, ansonsten: Stille. Ein federleichter Nebel tänzelt am schattigen Nordufer übers Wasser. Die Berge leuchten regelrecht in der Sonne: Der Harder Kulm am nordwestlichen Ende des Sees. Die Schynige Platte gegenüber am anderen Ufer, die ihrem Namen - glänzende Platte - alle Ehre macht.

Nach einer guten Stunde ist es Zeit, sich die Füße zu vertreten, es ist doch ein wenig ungewohnt, in einem Kajak zu hocken mit seitlich abgewinkelten Beinen. Am Anleger Ringgenberg lernt man, wie man aus der winzigen Öffnung im Kajak wieder aussteigt. Dave hat Tee mitgebracht. Der kurze, steile Anstieg zur Kirche und zur Burgruine lohnt sich: In der Ferne ist das schneebedeckte Morgenberghorn zu sehen. Ein Blick, der nicht zu verachten ist, auch wenn man das dahinter liegende Jungfrau-Massiv nicht sieht. Und zu Füßen liegt der See, an dem es Dave zufolge keine schlechten Tage gibt - auch nicht im Winter.

Manchmal, wenn er weit genug hinauspaddelt, sagt er, komme es ihm vor, als sei er in Alaska. So still, so friedlich, so einsam hier. Aber wozu in die Ferne schweifen?