"Pilcherland" Cornwall in England "Jeder hier muss kämpfen"

Merediths Töchter sind 14 und acht Jahre alt, der Sohn ist knapp drei. Nur zu einem der drei Väter ihrer Kinder hat die 30-Jährige noch Kontakt, die Unterhaltszahlungen kommen unregelmäßig, wenn überhaupt. Die Tafel versorgt sie und ihre Kinder mit Lebensmittelpaketen, wenn die Bankzinsen mal wieder das letzte Geld gefressen haben. "Jeder hier muss kämpfen", sagt Lucy Meredith, "egal, ob er Arbeit hat oder nicht."

"Wenn man Geld hat, ist Cornwall bezaubernd"

Die Straßen von Newquay fallen zu einer kleinen Bucht hin ab. Unten säumt ein Sandstrand in verschwenderischer Breite das Ufer. Ein halbes Dutzend Pilcher-Filme wurde in dem Ferienort gedreht, von "Gefährliche Brandung" bis "Verlobt, verliebt, verwirrt". Hinter den pompösen Neubau eines Surfshops duckt sich die Bücherei. Jeden Dienstag sperrt Jim McKenzie dort die Tür zu seinem winzigen Büro im ersten Stock auf. Hierher, in die Zweigstelle von Citizen Advice, kommen Menschen mit Beziehungsärger, mit rechtlichen Fragen oder weil sie Schwierigkeiten haben, Anträge auszufüllen. Vor allem aber kommen sie, weil sie Schulden haben. 15.000 Euro im Schnitt, anderthalbmal so viel wie im Rest des Landes. "Wenn man Geld hat, ist Cornwall bezaubernd", sagt McKenzie. "Aber nicht alle haben welches."

Er spricht von "Flecken regelrechten Überflusses" und "versteckter Armut": Londoner mit luxuriösen Ferienhäusern leben direkt neben Familien in heruntergekommenen Wohnungen. Ein großer Anteil von Zweitwohnsitzen, 60 Prozent in manchen Dörfern, ist die Ursache für leere Straßen und astronomische Immobilienpreise. Hinzu kommt, dass weite Flächen Cornwalls als Naturschutzgebiet ausgewiesen sind. Jobs sind im Südwesten Englands rar. Aus den traditionellen Industriezweigen Landwirtschaft, Fischerei und Bergbau ist kaum noch ein Penny rauszuquetschen.

"Die Dreharbeiten bringen sehr viel Geld hierher, sorgen für volle Hotels, volle Restaurants, und sie verschaffen den Leuten Arbeit, als Statisten oder als Handwerker", sagt Peter Prideaux-Brune. Der Mann im eleganten Nadelstreifenanzug dürfte von der Pilcher-Reihe profitiert haben wie kaum ein Zweiter. 16 Episoden wurden auf dem Gelände seines 81-Zimmer-Anwesens bereits gedreht. Prideaux Place, ein klobiges Herrenhaus in den Hügeln von Padstow, fungierte schon als Gin-Destillerie, als Luxushotel und als Familiensitz der Tee-Dynastie Shiplay.

Peter Prideaux-Brune, Besitzer eines 81-Zimmer-Anwesens, das Pilcher-Fans schon sehr oft gesehen haben.

(Foto: Jakat)

"Ein Haus wie dieses muss sich seinen Lebensunterhalt verdienen", sagt der pensionierte Anwalt, der in den Filmen stets als Komparse auftaucht. Ein ovales Schlafzimmer im ersten Stock, lindgrün und mit Stuckborte unter der Decke, nennen auch die englischen Bewohner den "Großmutter-Raum". "Das ist immer der Raum, wo die Oma stirbt, ihr Testament ändert, oder dem Erben erklärt, dass er ein uneheliches Kind ist", sagt Prideaux-Brune.

Doch die Wirkung von Rosamunde Pilcher reicht weit über die Mauern von Prideaux Place hinaus. Sommer für Sommer kommen mehr als 200.000 Deutsche in die Region, ein Drittel aller internationalen Besucher. Sie kommen in Reisebussen, die sich auf Landstraßen durch sumpfige Wiesen fräsen. Prideaux Place allein empfängt mehr als 10.000 deutsche Gäste - Pilcher-Zuschauerinnen und ihre Ehemänner. "Wer sich über die Dreharbeiten beschwert, ist sehr töricht, weil diese Leute nicht verstehen, dass ebendies Cornwall am Leben hält", sagt der Hausherr. Tatsächlich ist der Tourismus einer der wenigen erfolgreichen Wirtschaftszweige, er macht 20 Prozent des regionalen Bruttoinlandsprodukts aus. Jeder Vierte arbeitet in der Branche. Rosamunde Pilcher und Claus Beling, der ZDF-Redakteur, der die Pilcher-Reihe einst erfand, wurden 2002 für ihre Verdienste mit dem British Tourism Award ausgezeichnet.

"Ich habe viele Leute in die Region geholt", sagt Rosamunde Pilcher am Telefon. Seit ihrer Hochzeit 1946 lebt die 88-Jährige bei Dundee in Schottland, kommt aber jedes Jahr nach Cornwall zurück. "Dass sich ein derartiger Pilcher-Tourismus entwickelt, damit hätte ich nicht gerechnet, aber ich freue mich darüber. Es hat einen positiven Effekt auf die örtliche Wirtschaft - auch wenn diese Leute nicht unbedingt zu den mondänsten Kreisen gehören mögen." Selbst wenn sie es so nicht sagt, sie klingt ein bisschen, als fühle sie sich von der britischen Öffentlichkeit missverstanden, als müsse sie sich rechtfertigen. Denn so bekannt ihr Name in Deutschland ist, so ratlos reagieren manche Briten bei der Erwähnung der Schriftstellerin.

Im Schuppen der Foodbank von Launceston nimmt Lucy Meredith einen Schluck aus einer Cola-light-Flasche. "Ich könnte eigentlich auch mal ein Buch über mein Leben schreiben, bei allem, was ich erlebt habe", sagt sie lachend. "Einen Besteller, das wär's. Auf einen Schlag berühmt, bang, einfach so." Ein Leben ohne Sorge. Wie in einem Pilcher-Film.