"Pilcherland" Cornwall in England Das Paradies liegt woanders

St Ives in Cornwall, der Grafschaft, die in Deutschland das Bild von "Pilcherland" prägt.

(Foto: REUTERS)

Jedes Jahr reisen eine Viertelmillion Deutsche nach Cornwall, auf der Suche nach der atemberaubenden Landschaft aus dem Fernsehprogramm. Tatsächlich sind die Zustände in Englands Südwesten aber alles andere als paradiesisch.

Von Lena Jakat

Soll ich mich mit dem Rennfahrer einlassen, der mich vermutlich mit meiner eigenen Tochter betrügt? Oder wäre es besser, mich auf die Karriere als erfolgreiche Winzerin zu konzentrieren? Hannah Powell sucht die Antwort auf diese Fragen, sie sucht sie im Angesicht der rauen, schönen Landschaft ihrer Heimat Cornwall. Und weil die schöne junge Frau die Hauptfigur eines Rosamunde-Pilcher-Films ist, entscheidet sie sich am Ende natürlich für: die Liebe.

Die Benson Valley Winery aus "Englischer Wein" heißt eigentlich Pencarrow House und gehört der bezaubernd exzentrischen Lady Molesworth-St Aubyn. Rebhühner streifen über die regennassen Wiesen neben der Personalauffahrt. Auf dem Sims vor dem Küchenfenster sitzen prächtige Pfauen und heben den Kopf, wenn die Dame des Hauses drinnen pfeift. Eine halbe Stunde Autofahrt entfernt, vorbei an Gebrauchtwagenhändlern und einem Schrottplatz, sitzt Lucy Meredith in einem Lagerschuppen. In Metallregalen stapeln sich Baked-Beans-Konserven, Nudeln und Gläser mit Pastasauce. Auch das ist Cornwall.

Der Raum gehört der Launceston Foodbank, einer Wohltätigkeitsorganisation vergleichbar mit den gemeinnützigen Tafeln in Deutschland. "Soll ich Heizöl kaufen und den Kindern ein warmes, gemütliches Weihnachtsfest bieten? Oder soll ich losgehen und Geschenke kaufen?", überlegt sie. "Um ehrlich zu sein - ich weiß nicht, was ich machen soll!" Weil die junge Frau im realen Cornwall lebt, gibt es auf diese Frage keine einfache Antwort. Und es gibt auch keinen attraktiven Erben, der ihr die Entscheidung abnehmen könnte.

Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU

Seit 1993 zeigt das ZDF sonntagabends regelmäßig Filme nach der Vorlage von Pilchers Romanen und Erzählungen. Mit großem Erfolg, bis zu sieben Millionen Menschen sitzen dann vorm Fernseher. Cornwall ist für viele Deutsche so zum Sehnsuchtsziel geworden: wilde Natur, pittoreske Fischerdörfer und attraktive Menschen, die in offenen Oldtimern herumknattern.

In Großbritannien wird die Region nicht selten in einem Atemzug mit Rumänien und Bulgarien genannt. Denn wie die früheren Ostblockstaaten, so erhält auch Cornwall Sondermittel aus dem Sozialfonds der EU - als einziges County in England. Der Durchschnittslohn liegt 17 Prozent unter dem im Rest des Landes, die Lebenshaltungskosten aber sind kaum niedriger als im 400 Kilometer entfernten London.

In Launceston, 7000 Einwohner, eine Burgruine, zehn Pubs, summt im Schuppen der Foodbank ein elektrischer Heizlüfter gegen die feuchte Kälte an. Meredith kostet die Mindestabnahmemenge Öl umgerechnet 370 Euro - Geld, das der Sozialhilfeempfängerin anderswo fehlt. Ein Drittel der Menschen in Cornwall leben in sogenannter "Heizölarmut", das heißt, sie geben mehr als zehn Prozent ihres Einkommens dafür aus, zu Hause nicht frieren zu müssen. Die Gegend ist dünn besiedelt, Anschlüsse an Gasleitungen oder Fernwärme sind selten. Und die Energiepreise steigen.