Patras Das Tor nach Griechenland

Dorf und Großstadt zugleich: 2006 war Patras Europäische Kulturhauptstadt. Zu Besuch in einer typisch griechischen Stadt.

Von Richard Fraunberger

Wenn die Nacht das Dämmerlicht verschluckt, bringt Kostas Makris die Welt zum Leuchten. Aus zehn Glühbirnen besteht sie, einem weißen Tuch und farbigen Figuren, deren Arme und Beine sich bewegen wie Windräder im Sturm. Schattentheater, Karagiozi, wird gespielt. Drei Stangen hält der Puppenspieler in den Händen, drei Figuren, die hinter dem Tuch als bunte Silhouetten reden, streiten, das Publikum zum Lachen bringen. Kostas stampft mit den Füssen, faucht, spricht mit drei Stimmen, lässt den Mond aufgehen und den Teufel aus dem Boden wachsen.

Europas Kulturhauptstädte 1985-2009

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Im Mittelpunkt steht Karagiozi, eine schrullige, durchtriebene Gestalt mit dicker Nase, Buckel und einem Arm, der bis zu seinen Zehen reicht. Er ist der Eulenspiegel, der arme Jedermann. Immer schlägt er sich durchs Leben, immer streitet er sich mit der Obrigkeit. Selbst den Teufel trickst er aus.

Es sind alte Geschichten, die Kostas Makris erzählt. Geschichten, die schon vor hundert Jahren auf Dorfplätzen aufgeführt wurden, damals, als Schattenspieler durchs Land zogen und es in den Häusern keine Fernseher gab. Aus einer ausgedienten Gerberei hat Kostas nun ein Theater gemacht. Zehn Bistrotische hat der Raum, eine Bar und eine Bühne, und weil eine Küche fehlt, grillt er die Souflakis vor der Eingangstür. "Karagiozi ist die ungeschriebene Geschichte des griechischen Volkes", sagt Kostas. "Und Patras ist seine Heimatstadt."

Keine Liebe auf den ersten Blick

Patras: drittgrößte Stadt, Tor nach Griechenland, Brücke nach Europa. 200 000 Einwohner leben in der Hafenstadt, die im sattgrünen Nordwesten des Peloponnes liegt. Sie hat eine kleine, beschauliche Oberstadt und eine fiebrige, im Schachbrettmuster angelegte Unterstadt, und wer mit der Fähre anreist, legt direkt in deren lärmenden Mitte an. 230 000 ausländische Besucher kommen jährlich im Hafen an. Nur wenige bleiben.

Patras ist keine Liebe auf den ersten Blick. Aber welche andere Stadt Griechenlands ist das schon? Patras ist ein Gewirr aus Kirchen, historischen Trümmern und griechischem Modernismus. Es ist eine Stadt, in der es neben Juweliergeschäften Heiligenbilder, Schrauben und Sesamkringel zu kaufen gibt. Eine Stadt, die gern ein bisschen so aussähe, wie das moderne Athen, das große Vorbild, auf das alle Städte Griechenlands verstohlen blicken. Eine Stadt, die ihre von einem Betonmeer eingekeilte und eingezäumte Vergangenheit im Verborgenen hält - immer muss man sie suchen, die Mauern, Fresken und Säulenstümpfe, die hellenischen und römischen Reste, das Aquädukt, die neoklassizistischen Bauwerke und das einzige türkische Dampfbad Griechenlands, das noch in Betrieb ist.