Namibia Sandmänner

Afrikas Buschleute dürfen heute zwar keine Tiere mehr erlegen, gute Spurensucher aber sind sie nach wie vor. Touristen profitieren vom Wissen der Khwe - und von ihren Geschichten am Lagerfeuer.

Von Verena Mayer

Thaddeus Chedau kniet auf dem Boden und starrt in den Sand. Er kneift die Augen zusammen, als könne er auf diese Weise etwas erkennen, und das wundert einen nicht. Denn im Sand ist nichts. "Hier", ruft Chedau und zeigt auf eine Mulde, die aussieht, als hätte ein Kind den Stiel einer Schippe in den Boden gebohrt. Die Spur eines Kudus, einer afrikanischen Antilope. Chedau sagt, dass dieser Kudu nachts da war und es verdammt eilig hatte. Wegen eines Büffels, von dem ist die Spur daneben. Vor allem aber deswegen, sagt Chedau und kreist mit einem Stock einen Abdruck im Sand ein, der die Form des Buchstabens W hat.

"Der Gepard", sagt Chedau und guckt hoch wie Inspektor Columbo. So, als sei er der Einzige weit und breit, der etwas rafft. Denn für den allergrößten Teil der Weltbevölkerung ist das nach wie vor ein stinknormaler Streifen Sand. In großartiger Umgebung zwar, am Okavango in Namibia, wo gerade die Sonne aufgegangen ist, knalloranges Licht auf spiegelglattem Wasser, und die Nilpferde ziehen ihre Bahnen. Doch für Thaddeus Chedau ist das ein Tatort, an dem sich ein blutiges Drama abgespielt hat. Opfer: der Kudu, dessen Überreste Chedau dort vermutet, wo gerade ein Schwarm Aasgeier am stechend blauen Himmel kreist. Täter: der Gepard. Und nur der Büffel war Zeuge.

Die Tiere erlegen heute Weiße aus dem Ausland, den Khwe bleibt zumindest das Fleisch

Thaddeus Chedau, 56, braunes Hemd, beige Kappe, ist Spurenleser. Er kann nicht nur sagen, welches Tier irgendwo entlanglief. Sondern auch, wann es das tat, je nachdem, wie der Wind den Sand verweht hat. Ob es männlich oder weiblich war, jung oder alt, ob es jagte oder gejagt wurde. Alles daran zu erkennen, wie groß und tief die Abdrücke sind. Jeder noch so unscheinbare Abdruck im Sand - für Thaddeus Chedau erzählt er eine lange Geschichte.

Chedau gehört zum Volk der Khwe, den namibischen Buschleuten, die jahrtausendelang davon lebten, den Tieren zu folgen, um sie zu jagen. Das aber dürfen die Khwe heute nicht mehr, ihr Land ist ein Nationalpark. Jagen dürfen nur Leute, die Geld dafür bezahlen, meistens Weiße aus dem Ausland. Das Einzige, was die Khwe tun können, ist, die fremden Jäger auf die Spuren der Tiere zu setzen. Dann gehört ihnen zumindest das Fleisch.

Wenn Chedau über die Khwe spricht, dann immer im Präsens. Er sagt: "Die Giraffe jagen wir nach dem Regen, da ist der Boden weich, und sie kann nicht weg." Oder er sagt: "Wenn wir mit dem Löwen um seine Beute kämpfen, müssen wir alle tapfer sein und zusammenhalten." So, als könne er die Jagd und all das, was die Khwe früher waren, zumindest in der Gegenwart des Erzählens bewahren. Denn die echte Gegenwart ist, wie für die Ureinwohner vieler Länder, trostlos. Die Jungen gehen weg, die Alten trinken. Wer Glück hat, kriegt einen Aushilfsjob in einer Lodge.

Immerhin gibt es jetzt Leute, die hören wollen, was die Khwe zu erzählen haben. Vor einiger Zeit haben die Spurenleser begonnen, Touristen auf ihre Streifzüge im Bwabwata-Nationalpark, dem westlichen Teil des Caprivistreifens, mitzunehmen. Gemeinsam zieht man zu Fuß los, den Löwen, Geparden, Warzenschweinen, Nashörnern, Ameisenbären und Elefanten auf der Spur. Afrikanische Safari, mal ganz anders. Als Jagd nach guten Geschichten.

Allerdings führt einen in Namibia nicht gerade der erste Weg zu den Khwe. Sobald man von Windhoek aus auf einer der rumpeligen Straßen nach Norden unterwegs ist, will man eigentlich überall sofort bleiben. Nach jeder Abzweigung kommt eine Lodge, in der man auf der Terrasse sitzt, und die Savannenlandschaft liegt einem wie ein Meer aus braungelbem Sand und hellen Gräsern zu Füßen. Man landet an Flussläufen und Wasserfällen, an denen man sich nicht sattsehen kann, und nachts hört man die Nilpferde grasen. Selbst die sandigen Straßen sind ein Ereignis. Dorfbewohner wuseln herum, Buschwerk wird abgebrannt, alles ist gelb von den Blüten der Akazien. Kinder führen Ziegen und Kühe durch die Gegend, immer mal wieder hüpft ein Zebra über die Straße. Man kommt an Termitenhügeln vorbei, die aussehen wie futuristische Architektur, und an einem Berg, der "Hintern" heißt, aber die Form von Brüsten hat. Darauf befinden sich Spuren von Dinosauriern.

Und überall sind Geschichten. Am Waterberg etwa, dem rötlichen Felsplateau, das wie ein steinerner Zaun aus der Landschaft ragt. Eine Idylle. Doch dann stößt man auf einen Soldatenfriedhof, und wer die Spuren der Geschichte lesen kann, weiß, dass hier nicht nur ein paar deutsche Gefreite ruhen, sondern 1904 ein Massaker stattfand. Damals trieb die deutsche Kolonialmacht das Volk der Herero über den Berg in die Wüste und in den sicheren Tod. Tausende waren es, Männer, Frauen und Kinder. Der erste Völkermord des 20. Jahrhunderts.

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In Okonjima hingegen erfährt man nur Gutes. Hier liegt ein Gebäude, das aussieht wie eine Mischung aus Ferienlager und Sanatorium, aber eine Auffangstation für Leoparden und Geparden ist, das Afri-Cat Center. Die Raubkatzen, die Namen wie Bones, Ducati oder Harlem tragen, dösen träge im Gras und heben nicht mal den Kopf, wenn die Besucher in ihren Jeeps vorbeifahren, Brad Pitt und Angelina Jolie waren auch schon hier. Eine junge blonde Mitarbeiterin zeigt eine Tierklinik, deren spendenfinanzierter OP-Saal wohl alles toppt, was es in der Gegend an medizinischer Versorgung gibt. Stolz erzählt sie, dass die Ärzte neulich einem Geparden, der in einem Kampf ein Bein verloren hatte, eine Prothese anlegten und das Tier wieder auswilderten. Dass ein behinderter Gepard glänzende Lebensbedingungen vorfindet, während in den Dörfern rundherum wieder mal die Maisernte vertrocknet ist und die Kinder ohne Frühstück zur Schule müssen - das ist diese absurde Gleichzeitigkeit von Ungleichheit, wie man sie in Afrika so oft beobachtet. Und die einen jedes Mal aus den Socken haut.

Aber dann findet man irgendwann zu den Khwe. Eine Gruppe von ihnen steht jetzt vor einer blumenkohlförmigen Spur am Flussufer. Alte und junge Männer, einige Frauen. Thaddeus Chedau zeigt auf den Abdruck, den selbst der ahnungslose Tourist einem Elefanten zuordnen kann. Nur: Wie alt war er und was wollte er? Chedau guckt die jungen Khwe an, die mit Smartphones in Händen dastehen. "Die Jugend muss das Knie biegen, man kann nicht alles googeln." Das alte Wissen der Khwe über das Jagen und Sammeln etwa, vieles davon ging verloren. Doch auch die Jungen erkennen, dass die Spur von einem sechsjährigen Elefantenweibchen stammt, das sich von seiner Gruppe entfernt hatte, um zu trinken.

Die Khwe-Frauen streifen indessen an Büschen und Bäumen vorbei. Sie zeigen, wie man mit einem Halm Regenwasser aus dem Mangetti-Baum zapft und wo man wilden Honig findet. Sie deuten auf einen borstigen Strauch und sagen, dies hier sei das beste Mittel gegen Menstruationsbeschwerden. Und wie nimmt man das? Man gebe die Blätter den Männern, damit die sicher sind vor der Energie der Frauen. Aha, na ja. Andere Länder, andere Unterleibsgeschichten.

Informationen

Anreise: Mit South African Airways ab Frankfurt via Johannesburg nach Windhoek und zurück ca. 800 Euro, www.flysaa.com/de

Reisearrangement: Der Reiseveranstalter Gebeco bietet Studienreisen durchs südliche Afrika an, die auch zu den Khwe führen. 20 Tage inklusive Flügen, Touren und Unterbringung ab 4695 Euro, www.drtigges.de

Weitere Auskünfte: Infos über Projekte, an denen die Khwe beteiligt sind, gibt es beim WWF, der in Namibia mit lokalen NGOs arbeitet, www.wwf.de

Am Abend sitzen die Khwe am Feuer. Es gibt Eintopf vom Fleisch der Oryx-Antilope und ein antialkoholisches Guave-Getränk. Über allem ist dieser afrikanische Sternenhimmel, der einem ein Gefühl von Unendlichkeit und Geborgensein zugleich gibt. Einer der Khwe dankt den Ahnen für ihre Stärke, und dann ist es Zeit für Geschichten. Thaddeus Chedau erzählt von seinem Vater, der eine Narbe an der Schulter hatte, weil ihn als Kind auf der Jagd ein Löwe mitgeschleift hatte. Er sagt, dass Khwe-Männer zwei, drei Frauen haben, "je nachdem, wie man jagt". Und dass immer die Omas die Ehen arrangieren, "denn sie wissen am besten, wer ein guter Jäger ist".

Der Helfer hofft, dass die "Philosophen der Wildnis" bald eigene Lodges betreiben

Es ist nicht klar, was davon vergangen ist und was nicht. Nur, dass es die Geschichte mit den Khwe nicht gut gemeint hat. Als das südafrikanische Apartheid-Regime gegen die namibische Unabhängigkeitsbewegung kämpfte, setzte es die Khwe als Spurenleser ein. Die Khwe wussten nicht, wem sie für fünf südafrikanische Rand im Monat halfen, sie hörten nur die Helikopter über ihrem Land kreisen. Unter den Folgen leiden sie bis heute. Sie sind vom Sozialsystem ausgeschlossen, bekommen keine staatliche Hilfe. Als letztens ein Siebenjähriger Wasser vom Fluss holte, weil es in den Dörfern keine Pumpen gibt, wurde er von einem Krokodil angefallen. Chedau erzählt von seiner Fahrt zum früheren Staatspräsidenten Sam Nujoma; er wollte mit ihm über die Lage der Khwe reden. Nujoma habe ihm mit dem Finger ins Gesicht gezeigt und gesagt: "Du hast den Weißen geholfen, jetzt geh mit deinen weißen Brüdern."

Friedrich Alpers nickt. Er ist einer der namibischen Helfer, die bei den Khwe leben und sie schulen, damit die Spurenleser eines Tages auch eigene Lodges betreiben können. "Doktoren und Philosophen der Wildnis" nennt Alpers die Khwe, "sie wissen alles, nur ohne Schrift". Auch er hat eine Geschichte auf Lager. Letztens, erzählt er, sei ihm aus seinem Haus am Fluss ein Laptop geklaut worden. Er rief die Spurenleser, die den Fußabdrücken des Diebes über zwölf Kilometer folgten und ihn schließlich fanden. Thaddeus Chedau kichert und sieht jetzt wieder aus wie Inspektor Columbo. Bis der Tourismus zu den Spurenlesern kommt, können sie schon mal bei der Spurensicherung anfangen.